10.09.2026 | 05:45
Absturz, Konzernumbau und Technologiewette - Novartis, HPQ Silicon, Volkswagen
An der Börse sind es oft nicht die großen Versprechen, sondern die kritischen Übergangsphasen, die über Kurschancen entscheiden – frei nach dem Motto: „Im Einkauf liegt der Gewinn.“ Genau dort stehen die folgenden drei Aktien. Ein Konzern mit teurem Pipeline-Risiko, ein Technologietitel auf dem Weg vom Test zur möglichen Kommerzialisierung und ein Industrieriese mitten im harten Umbau. Wer verstehen will, wo Hoffnung, Risiko und Neubewertung aktuell am stärksten aufeinandertreffen, findet hier die interessanten Fallbeispiele:
Lesezeit: ca.
6 Minuten.
Autor:
Stefan Bode
ISIN:
CH0012005267 , CA40444L1031 , DE0007664039
Novartis-Aktie stürzt 14 % ab – wird die 12-Mrd.-USD-Wette jetzt zum Problem?
Die Aktie der Novartis AG (WKN: 904278 | ISIN: CH0012005267 | Ticker-Symbol: NOT) erlebt in den vergangenen Tagen einen heftigen Kurseinbruch. Die Aktie verlor seit dem Wochenschlusskurs vom letzten Freitag rund 14 % und notierte zuletzt bei 111,44 CHF. Damit ist praktisch die gesamte bisherige Jahresperformance in drei Handelstagen ausgelöscht worden. Seit Jahresbeginn beträgt das Plus nun rund 1,6 %, während auf Jahressicht noch ein Plus von ca. 9,2 % verbleibt. Die Marktkapitalisierung des Schweizer Pharmakonzerns ist auf rund 230 Mrd. CHF gefallen.
Auslöser des Kurssturzes ist ein schwerer Rückschlag in der Medikamenten-Pipeline. Der experimentelle Wirkstoff Del-desiran hat in einer Phase-III-Studie gegen Myotone Dystrophie Typ 1 sein primäres Studienziel verfehlt. Für Novartis ist das besonders bitter, denn der Konzern hatte sich das Programm erst durch die rund 12 Mrd. USD schwere Übernahme von Avidity Biosciences gesichert. Del-desiran galt als einer der wichtigen zukünftigen Wachstumstreiber. Der Wirkstoff sollte Novartis dabei helfen, auslaufende Patente etablierter Medikamente zu kompensieren und das Wachstum über das Ende dieses Jahrzehnts hinaus abzusichern. Zwar zeigten einige sekundäre Studienziele Hinweise auf eine klinische Wirkung, doch das entscheidende primäre Ziel wurde nicht erreicht. Novartis will die vollständigen Daten nun auswerten und anschließend mit den Behörden über das weitere Vorgehen sprechen.
Noch problematischer ist, dass es sich nicht um den einzigen Rückschlag handelt. Erst wenige Tage zuvor enttäuschte das Herz-Kreislauf-Medikament Pelacarsen in einer wichtigen Phase-III-Studie. Damit geraten innerhalb kürzester Zeit zwei Medikamente unter Druck, auf die Novartis große Hoffnungen gesetzt hatte. Gleichzeitig nähert sich bei wichtigen bestehenden Produkten wie Entresto das Ende des Patentschutzes. An seiner mittelfristigen Prognose hält der Konzern bislang dennoch fest. Zwischen 2025 und 2030 sollen die Umsätze im Durchschnitt weiterhin um 5 bis 6 % pro Jahr wachsen. Nach den jüngsten Studienergebnissen dürfte der Markt allerdings deutlich kritischer hinterfragen, wo dieses Wachstum langfristig herkommen soll. Weitere erfolgreiche Pipeline-Produkte oder neue Übernahmen könnten dadurch wichtiger werden.
Auch charttechnisch hat sich das Bild mit einem Schlag verschlechtert. Noch Anfang September stand die Aktie bei über 132 USD und bewegte sich nahe ihrem Jahreshoch. Mit dem Absturz auf unter 112 CHF fällt der Kurs nun deutlich unter sämtliche wichtigen gleitenden Durchschnitte (GD). GD20 und GD50 liegen ungefähr im Bereich von 125 bis 126 CHF und der GD200 nahe 119 CHF.
Damit wurde der zuvor intakte Aufwärtstrend vorerst klar gebrochen. Nach einem Verlust von mehr als 14 % könnte kurzfristig eine technische Gegenbewegung folgen. Für eine nachhaltige Erholung müsste Novartis jedoch zunächst neues Vertrauen in seine Pipeline schaffen. Genau daran dürfte sich entscheiden, ob der heutige Crash eine Kaufchance oder der Beginn einer längeren Neubewertung ist.
HPQ Silicon: Technologiewette mit erstem Markttest
HPQ Silicon (WKN: A3DQZ3 | ISIN: CA40444L1031 | Ticker-Symbol: O08) rückt 2026 weniger über die Rohstoffphantasie als über die Kommerzialisierung seiner Batterietechnologie in den Fokus. Gemeinsam mit Novacium erhielt das Unternehmen im August einen ersten Auftrag für GEN3-Batteriepacks, die in FPV-Drohnen für ein Regiment der französischen Armee integriert werden sollen. Operativ ist das ein wichtiger Validierungsschritt, doch die Größenordnung ist in der Pilotphase bewusst klein gewählt. Das Unternehmen betont selbst, dass der Erstauftrag für HPQ finanziell nicht wesentlich ist. Für Investoren liegt der Wert der Aktie daher vor allem in der Referenzwirkung, nicht in einem kurzfristig spürbaren Umsatzhebel. Genau diese Anmerkung ist in einem Marktumfeld entscheidend, in dem Technologietitel häufig an Erwartungen und weniger an bereits skalierten Cashflows gemessen werden.
Aussagekräftiger als der Einzelauftrag ist dafür die Breite der laufenden Erprobungen. HPQ und Novacium lieferten Ende August insgesamt 30 kundenspezifisch konfigurierte Batteriepacks an drei europäische Drohnenhersteller. Jeder Drohnenproduzent erhielt jeweils zehn Einheiten, um die Batteriepacks in seinen Drohnen zu testen und zu evaluieren. Die Konfigurationen wurden laut Unternehmen an die technischen Anforderungen der jeweiligen Plattformen angepasst, um zum einen die Anwendungsnähe und damit auch eine potenzielle Zulieferqualifizierung zu erhöhen. Zugleich zeigt der Verlauf seit dem vierten Quartal 2025, dass der Markteintritt nicht sprunghaft, sondern schrittweise über Testzyklen erfolgt. Das ist technologisch plausibel, verlängert aber den Zeitraum, bis belastbare Serienumsätze die Bilanz verbessern können.
Makroökonomisch betrachtet trifft HPQ auf einen strukturell attraktiven Zielmarkt. Die EU-Kommission veranschlagt für den europäischen Drohnenservicesektor bis 2030 ein Volumen von rund 14,5 Mrd. EUR. Parallel gewinnen die Verteidigungsfähigkeit, die industrielle Souveränität und der Wunsch nach unabhängigeren Lieferketten in Europa immer stärker an Gewicht, was die Nachfrage nach lokal entwickelten Batterielösungen unterstützt. Für Drohnenhersteller sind Energiedichte, Gewicht und Reichweite die zentralen Leistungsparameter. Genau hier setzt die Silizium-Anodentechnologie von Novacium an, die gegenüber herkömmlichen Graphit-Anoden höhere Leistungsdichten ermöglichen soll.
HPQ Silicon ist damit ein chancenreicher, aber noch klar spekulativer Aktientitel. Positiv zu werten sind die stetigen operativen Fortschritte, der Eintritt in die französische Verteidigungslieferkette und die wachsende Zahl realer Evaluierungsprogramme. Dem stehen typische Frühphasenrisiken gegenüber wie geringe Volumina und niedrige Margen, die Abhängigkeit von Partnerunternehmen sowie die noch ausstehende Überführung technischer Erfolge in wiederkehrende Umsätze. Wer die Aktie betrachtet, sollte sie daher als technologiegetriebene Skalierungsoption bei einer erfolgreichen Industrialisierung lesen.
Volkswagen-Aktie: Radikaler Konzernumbau – wird VW jetzt zur großen Turnaround-Wette?
Die Aktie von Volkswagen (WKN: 766403 | ISIN: DE0007664039 | Ticker: VOW3) notiert zuletzt bei 81,16 EUR. Seit dem Juli-Tief bei 69,20 EUR konnte das Papier um gut 17 % zulegen. Dennoch bleibt die längerfristige Entwicklung schwach. Seit Jahresbeginn betrug das Minus rund 22,6 % und innerhalb eines Jahres hat die Aktie ca. 21 % verloren. Die Marktkapitalisierung des Autobauers liegt aktuell bei rund 40,67 Mrd. EUR. Nach dem deutlichen Kursrückgang mehren sich allerdings die Anzeichen für eine Stabilisierung.
Im Mittelpunkt steht dabei der immer radikalere Umbau des Volkswagen-Konzerns. Das Management will Kosten senken, die komplexe Konzernstruktur vereinfachen und Beteiligungen stärker auf ihren strategischen Nutzen überprüfen. Dabei steht mittlerweile sogar die Motorradmarke Ducati auf dem Prüfstand. Ein möglicher Verkauf könnte Volkswagen zusätzliches Kapital verschaffen und gleichzeitig die Konzentration auf das automobile Kerngeschäft verstärken.
Noch wesentlich wichtiger für Anleger ist jedoch das laufende Sparprogramm. Volkswagen muss insbesondere bei der Kernmarke VW die Kosten deutlich reduzieren und die Profitabilität verbessern. Der Konzern reagiert damit auf den hohen Wettbewerbsdruck in China, steigende Investitionen in Elektromobilität und Software sowie auf die weiterhin vergleichsweise hohen Produktionskosten in Deutschland. Stellenabbau und eine stärkere Auslastung der Werke sollen langfristig Milliarden einsparen.
Operativ bleibt die Situation angespannt. Im ersten Halbjahr 2026 erreichte Volkswagen einen Umsatz von rund 158,1 Mrd. EUR. Das operative Ergebnis fiel gegenüber dem Vorjahr um 11,6 % auf rund 5,9 Mrd. EUR. Besonders problematisch bleibt China. Dort verliert Volkswagen Marktanteile an heimische Hersteller wie BYD, während gleichzeitig der Preisdruck bei Elektroautos hoch bleibt. Positive Signale kommen dagegen aus Europa, wo die Nachfrage nach den neuen Elektro-Modellen zuletzt wieder angezogen hat.
Auch die Bewertung macht die Aktie für Anleger interessant. Für das Geschäftsjahr 2025 zahlte Volkswagen eine Dividende von 5,26 EUR je Vorzugsaktie. Bezogen auf den aktuellen Kurs entspricht das einer historischen Dividendenrendite von rund 6,33 %. Entscheidend wird allerdings sein, ob Volkswagen die Profitabilität stabilisieren und damit auch zukünftige Ausschüttungen absichern kann.
Charttechnisch zeigt sich erstmals seit Monaten eine deutliche Erholung, und die Aktie konnte sich so bis auf zuletzt 81,16 EUR zurückkämpfen. Damit wurden die kurzfristigen gleitenden Durchschnitte wieder überschritten. Im Bereich von etwa 82 bis 84 EUR entscheidet sich nun, ob daraus eine nachhaltigere Trendwende entstehen kann. Die nächste größere Hürde wartet anschließend rund um den GD200 im Bereich von 89 EUR.
Volkswagen bleibt damit eine Turnaround-Wette. Gelingt es dem Konzern, Kosten deutlich zu senken, die China-Probleme einzudämmen und gleichzeitig die Struktur zu verschlanken, könnte sich die derzeit niedrige Bewertung als interessante Kaufgelegenheit erweisen.
Zusammenfassung
Novartis steht nach zwei Pipeline-Rückschlägen unter Druck, weil der Markt nun kritischer prüft, ob das avisierte Wachstum trotz Patentabläufen tragfähig bleibt.
HPQ Silicon bleibt eine spekulative Technologiewette, gewinnt mit ersten Batterieaufträgen und laufenden Testprogrammen aber an operativer Glaubwürdigkeit.
Volkswagen ist eine Turnaround-Wette, bei der Kostensenkungen, China-Stabilisierung und höhere Profitabilität darüber entscheiden, ob die niedrige Bewertung eine attraktive Einstiegsgelegenheit oder der Griff ins fallende Messer ist.