30.07.2026 | 05:45
Sektorrotation von KI zu den gefallenen Engel? HPQ Silicon, Mercedes-Benz, PayPal
Der Technologie- und Halbleitersektor wird zwar maßgeblich durch Innovationen bei hochdichten Energiespeichern und den Ausbau der KI-Infrastruktur getrieben, aber die Bewertungsmultiples schienen zuletzt enorm übertrieben. Entsprechend erhöhte sich zuletzt der Abgabedruck bei Amazon, Nvidia, Tesla & Co., während die dortigen Gewinnmitnahmen nun wieder anderen Sektoren und gefallenen Engeln zugeführt werden. Drei dieser faszinierenden Unternehmen schauen wir uns heute genauer an, vom internationalen Zahlungsanbieter über einen deutschen Autobauer bis hin zu einer Innovation in der Batterietechnologie. Mehr dazu lesen Sie hier:
Lesezeit: ca.
6 Minuten.
Autor:
Stefan Bode
ISIN:
CA40444L1031 , DE0007100000 , US70450Y1038
HPQ Silicon: Meilensteine bei Speichertechnologien
Vor dem Hintergrund der globalen Elektrifizierungswelle und dem Ausbau von Rechenzentren sowie Drohnenanwendungen positioniert sich das Unternehmen HPQ Silicon (WKN: A3DQZ3 | ISIN: CA40444L1031 | Ticker-Symbol: O08) strategisch in margenstarken Nischenmärkten für Energiespeicher. Mit dem Fokus auf siliziumbasierte Anodenmaterialien und die jüngsten operativen Fortschritte bei der unternehmenseigenen Fumed-Silica-Reaktortechnologie (FSR) bedient der Konzern wie maßgeschneidert die anziehende industrielle Nachfrage. Um die Unternehmensexpansion finanziell zu unterstützen und die Bilanzstruktur zu stärken, veranlasste das Management kürzlich eine gezielte Schuldenbegleichung durch die Ausgabe neuer Aktien. Diese bilanzielle Maßnahme der Wandlung von Schulden zu Eigenkapital (Debt to Equity) schafft den ökonomischen Spielraum, die laufenden Pilotprogramme sowie die wirtschaftliche Skalierung konsequent und ohne Liquiditätsengpässe voranzutreiben.
Ein elementarer Werttreiber ist die unternehmenseigene GEN4-Technologie, welche jüngst mit der UL-1642-Sicherheitszertifizierung für seine Gen4-21700-Lithiumionen-Zellenplattform einen fundamentalen Meilenstein auf dem Weg zur vollständigen Kommerzialisierung erreicht hat. In Zusammenarbeit mit der Beteiligungsgesellschaft Novacium gelang zudem ein technologischer Durchbruch. Bei den halbfesten Elektrolyt-Akkupacks für Drohnen, die mit einer Energiedichte von 395 Wh/kg und einer Kapazität von 15.900 mAh ausgestattet sind, konnten bereits etablierte Batteriesysteme um bis zu 36 % übertroffen werden. Dieser Innovationssprung verbessert nicht nur die transportierbare Nutzlast, sondern auch die Flugdauer bei den industriellen Anwendungen erheblich. Vorgestellt wurde dieser Innovationssprung bereits bei einer groß angelegten Präsentation auf der Eurosatory-Messe der Rüstungsindustrie in Paris im Juni dieses Jahres. Ein entscheidender wirtschaftlicher Hebel liegt einfach in der Tatsache, dass diese signifikanten Leistungssteigerungen direkt und ohne teure Umrüstungen in bereits bestehende Serienproduktionslinien der Industrie integriert werden können.
Um die globale Marktdurchdringung zu forcieren, hat HPQ Silicon seine Vertriebsstrukturen für den Industrie- und Verteidigungssektor gezielt personell gestärkt und treibt die Vermarktung unter der Marke HPQ Endura+ in Nordamerika weiter voran. Parallel dazu sieht eine strategische Absichtserklärung mit GH Technologies vor, zeitnah die asiatischen Märkte zu erschließen, aus denen aktuell über 57 % der weltweiten Nachfrage nach zylindrischen Lithium-Ionen-Zellen stammen. Da die entscheidenden branchenspezifischen Sicherheitszertifizierungen nun schrittweise vorliegen, sollte sich die Wahrscheinlichkeit für erste verbindliche Großabnahmeverträge aus dem asiatisch-pazifischen Raum deutlich erhöht haben. Die Kombination aus zertifizierter Hochleistungstechnologie, skalierbaren Produktionsprozessen und der Erschließung internationaler Wachstumsmärkte bildet ein starkes Fundament für die geplante Umsatzentwicklung in 2026.
Mercedes-Benz-Aktie springt nach Q2-Zahlen an: Ist das die Trendwende?
Die Mercedes-Benz-Aktie (WKN: 710000 | ISIN: DE0007100000 | Ticker: MBG) hat am Dienstag nach der Veröffentlichung der Zahlen für das zweite Quartal zunächst kräftig zugelegt. Zeitweise betrug das Plus fast 6 %. Im Laufe des Mittwochs waren die Käufe und Verkäufe nahezu ausgeglichen und der Titel ging bei rund 46,60 EUR aus dem Handel. Die Anleger honorierten vor allem die überraschend robuste bereinigte Pkw-Marge und die Bestätigung des Margenziels trotz des schwierigen Marktumfelds. Damit gelang der Sprung über den 20-Tage-Durchschnitt und über die jüngsten Hochs im Bereich von 46 EUR. Für eine echte Trendwende reicht das jedoch noch nicht: Die Aktie handelt weiterhin unter der 50-, 100- und 200-Tage-Linie.
Fundamental fiel das Quartal besser aus, als es der Umsatz vermuten lässt. Die Erlöse sanken gegenüber dem Vorjahr um 3,3 % auf 32,06 Mrd. EUR. Dennoch stieg das operative Ergebnis um 21,5 % auf 1,55 Mrd. EUR. Bereinigt legte das EBIT um 15,6 % auf 2,30 Mrd. EUR zu, der Nettogewinn verbesserte sich um 13,5 % auf 1,09 Mrd. EUR. Die eingeleiteten Kostensenkungen zeigten bereits Wirkung. Die Verwaltungskosten fielen um 14 %, die Forschungs- und Entwicklungsausgaben um 12 %. Die stärksten Impulse kamen allerdings nicht aus dem Kerngeschäft mit Pkw, sondern von Mercedes-Benz Financial Services. Dieses Segment steigerte das bereinigte EBIT um 70 % auf 492 Mio. EUR und erreichte eine Eigenkapitalrendite von 15,3 %. Auch die Van-Sparte überzeugte mit einer bereinigten Umsatzrendite von 10,2 %. Positiv entwickelte sich zudem der Elektroautoabsatz. Die Verkäufe vollelektrischer Pkw stiegen um 51 %, in Europa sogar um 87 %.
Das größte Problem bleibt China. Dort brach der Pkw-Absatz um 30 % ein. Weltweit verkaufte Mercedes-Benz 417.765 Fahrzeuge und damit 7,9 % weniger als im Vorjahr. Das bereinigte EBIT der Pkw-Sparte sank um 26 % auf 909 Mio. EUR, die bereinigte Marge fiel von 5,1 % auf 4,0 %. Wegen Wertberichtigungen auf chinesische Beteiligungen von 704 Mio. EUR verblieb in der Pkw-Sparte lediglich ein EBIT von 49 Mio. EUR. Auch der Cashflow liefert ein Warnsignal. Der freie Cashflow des Industriegeschäfts sank um 40,9 % auf 1,10 Mrd. EUR, obwohl der teilweise Verkauf der Daimler-Truck-Beteiligung 417 Mio. EUR beisteuerte. Die Bilanz bleibt hingegen stabil. Nach Dividenden und Aktienrückkäufen von insgesamt 5 Mrd. EUR lag die industrielle Nettoliquidität bei 30,4 Mrd. EUR. Zugleich senkte Mercedes den Ausblick. Konzernumsatz und Pkw-Absatz sollen 2026 nun leicht unter dem Vorjahr liegen. Positiv ist dagegen die Anhebung der Renditeprognose für Financial Services auf 12 bis 14 %.
Charttechnisch bleibt die Erholung daher vorerst nur ein erster Befreiungsversuch. Oberhalb von 46 EUR rückt die Widerstandszone um 50 EUR in den Fokus. Erst ein nachhaltiger Ausbruch darüber würde das Bild spürbar aufhellen. Die bei rund 53,70 EUR verlaufende 200-Tage-Linie liegt noch etwa 15 % entfernt. Solange diese Hürden nicht fallen, dominiert trotz der positiven Kursreaktion weiterhin der übergeordnete Abwärtstrend.
PayPal-Aktie zündet nach Q2-Zahlen: Fällt jetzt die 60-USD-Marke?
PayPal (WKN: A14R7U | ISIN: US70450Y1038 | Ticker: PYPL) hat am Dienstag, dem 28. Juli, seine Zahlen für das zweite Quartal 2026 vorgelegt – und die Anleger reagieren erleichtert. Die Aktie springt im Zuge dessen um knapp 4 % auf rund 58 USD. Der Grund: Der Zahlungsdienstleister übertraf die Erwartungen, hob seinen Jahresausblick an und lieferte Belege dafür, dass der Umbau unter CEO Enrique Lores nun endlich greift. Zusätzlich stützen Spekulationen um ein Angebot von Stripe und Advent zu 60,50 USD je Aktie den Kurs. Der Umsatz stieg um 5 % auf 8,68 Mrd. USD und lag damit über der Konsensschätzung von rund 8,47 Mrd. USD. Währungsbereinigt betrug das Wachstum allerdings nur 3 %. Das bereinigte Ergebnis je Aktie erreichte 1,38 USD und schlug die erwarteten 1,28 USD deutlich, fiel gegenüber dem Vorjahresquartal jedoch um 1 %. Nach GAAP sank der Nettogewinn sogar um 12 % auf 1,10 Mrd. USD.
Operativ bleibt die Plattform robust. Das gesamte Zahlungsvolumen wuchs um 10 % auf 486,4 Mrd. USD, währungsbereinigt waren es 9 %. Die Zahl der Transaktionen legte um 8 % auf 6,75 Mrd. zu. Venmo und Braintree steigerten ihr Zahlungsvolumen jeweils im mittleren Zehnprozentbereich. Besonders stark entwickelten sich Buy Now, Pay Later mit 26 % Wachstum sowie die aktiven Nutzer der Venmo-Debitkarte mit einem Plus von mehr als 50 %. Der wichtigste Schwachpunkt bleibt jedoch noch die Profitabilität. Die bereinigte operative Marge fiel von 19,8 auf 17,4 %, während der bereinigte operative Gewinn um 8 % zurückging. Auch das margenstärkere, markengebundene Online-Checkout-Geschäft wuchs währungsbereinigt lediglich um 2 %. Positiv ist zwar die Stabilisierung, für eine echte Wachstumsstory muss PayPal hier aber wieder deutlich mehr Dynamik zeigen. Zudem stagnierte die Zahl der aktiven Konten bei 439 Mio., gegenüber dem Vorquartal gingen rund 0,2 Mio. Konten verloren.
Stark fiel jedoch der freie Cashflow aus, der sich auf 1,78 Mrd. USD erhöhte. Gleichzeitig kaufte PayPal im Quartal für 1,5 Mrd. USD rund 33 Mio. eigene Aktien zurück. Für 2026 erwartet das Management nun ein bereinigtes Ergebnis je Aktie von etwa 5,38 USD, einen bereinigten freien Cashflow von mehr als 6 Mrd. USD und Aktienrückkäufe über 6 Mrd. USD. Zusätzlich sollen über zwei bis drei Jahre mindestens 1,5 Mrd. USD an jährlichen Bruttoeinsparungen erzielt werden. Für das dritte Quartal wird beim bereinigten Ergebnis allerdings weiterhin ein Rückgang im niedrigen einstelligen Prozentbereich erwartet.
Charttechnisch hat sich das Bild deutlich aufgehellt. Die Aktie notiert über der 20-, 50-, 100- und 200-Tage-Linie. Mit dem Anstieg über die früheren Hochs bei rund 51,70 USD wurde ein wichtiges Kaufsignal ausgelöst; die 200-Tage-Linie bei etwa 52,30 USD wird nun zur zentralen Unterstützung. Der nächste Prüfstein ist die Widerstandszone um 60 USD. Erst ein nachhaltiger Ausbruch darüber würde den Turnaround auch charttechnisch bestätigen. Die Q2-Zahlen liefern dafür Rückenwind – doch PayPal muss nun beweisen, dass aus höherem Volumen wieder steigende Margen werden.
Fazit
HPQ Silicon schreitet mit der GEN4 Technologie für Drohnenakkus auf einem Wachstumsmarkt stark voran. Die Präsentation in Paris auf der Rüstungsmesse sowie die Expansion nach Asien sollten in den kommenden Monaten Früchte tragen.
Ein erstes positives Signal aus der deutschen Automobilbranche lieferte Mercedes-Benz. Oftmals finden sich gerade in herausfordernden Zeiten mit hohem Anpassungsdruck und eingestürzter Marktkapitalisierung interessante Kaufgelegenheiten.
Das Tal der Tränen durchschritten zu haben, scheint die Aktie von PayPal. Nach starkem Abgabedruck in den letzten fünf Jahren gewinnen nun die Bullen wieder langsam die Oberhand.