02.11.2026 | 05:24
Umbau, Energiewende, Rekordgewinne: Was bewegt die Kurse? Deutsche Bank, RE Royalties, thyssenkrupp, tk accelis
Ein Kurssturz, langfristige Erlösbeteiligungen und ein Rekordgewinn: Drei unterschiedliche Börsengeschichten zeigen, wie anspruchsvoll jedes Mal die Bewertung von Chancen und Risiken bleibt. Während eine Abspaltung den Blick auf einen Industrieumbau verändert, wirft die Finanzierung erneuerbarer Energien hohe Renditen ab. Im Bankensektor treffen dagegen steigende Erträge auf höhere Kreditrisiken. Welche Entwicklungen tragen zu einer Neubewertung bei und wo mahnen Finanzierungsrisiken, operative Zahlen und wichtige Kursmarken zur Vorsicht?
Lesezeit: ca. 6 Minuten.
Autor: Stefan Bode
ISIN: CA75527Q1081 , DE0005140008 , DE0007500001 , DE000TKCC1S8
thyssenkrupp: Fast 12 % Minus – jetzt zählt diese Kurszone
Die Aktie von thyssenkrupp (WKN: 750000 | ISIN: DE0007500001 | Ticker: TKA) hatte eine hochvolatile Woche hinter sich. Erst fiel die Aktie um 12 %, schoss dann um knapp 21 % bis vergangenen Mittwoch gen Norden, um im Anschluss bis Freitag wieder 12 % abzugeben und mit 12,01 EUR ins Wochenende zu gehen. Hinter dem Kursabschlag stand allerdings eine Besonderheit: thyssenkrupp brachte seine Werkstoff-, Handels- und Dienstleistungssparte unter dem Namen "tk accelis" (WKN: TKCC1S | ISIN: DE000TKCC1S8 | Ticker: TKCC) als eigenständig notiertes Unternehmen an die Börse.
Die erste Notierung von tk accelis erfolgte bei 27,80 EUR. Für jeweils 20 Thyssenkrupp-Aktien erhielten die bisherigen Aktionäre eine Aktie von tk accelis. Insgesamt wurden 49 % der Tochter abgespalten, während thyssenkrupp mit 51 % Mehrheitsaktionär blieb. Ein Teil des bisherigen Beteiligungswerts wurde damit aus der Mutteraktie herausgelöst und steckte anschließend in den zusätzlich zugeteilten Anteilen. Der angezeigte Tagesverlust entsprach deshalb nicht vollständig einem wirtschaftlichen Verlust für die bisherigen Anteilseigner. Die Kapitalmaßnahme erklärte jedoch nur einen Teil der Bewegung. Der um die Abspaltung bereinigte Vortagesschluss lag bei 13,28 EUR. Gegenüber diesem Vergleichswert verlor thyssenkrupp immer noch gut neun %. Auch bei gemeinsamer Betrachtung von Mutteraktie und zugeteilten Anteilen blieb somit ein deutlicher Rückschlag. Die schwache Kursentwicklung ließ sich folglich nicht allein als rechnerischer Effekt abtun.
Strategisch setzte Vorstandschef Miguel López den Umbau zur Finanzholding fort. Nach den Börsengängen von Nucera und TKMS erhielt auch der Werkstoffhandel eine eigene Börsennotierung. Unter dem Namen tk accelis sollte das Geschäft eigenständiger wachsen und mehr Dienstleistungen rund um Verarbeitung und Lieferketten anbieten. Für thyssenkrupp eröffnete die separate Bewertung Chancen, den Wert einzelner Beteiligungen sichtbarer zu machen. Ob daraus dauerhaft höhere Bewertungen entstehen, hängt jedoch von deren Geschäftsentwicklung ab.
Die Größenordnung der neuen Börsentochter war beträchtlich. Im Geschäftsjahr 2024/2025 erzielte tk accelis einen Umsatz von 11,4 Mrd. EUR und ein bereinigtes EBITDA von 229 Mio. EUR. Die entsprechende Marge betrug lediglich zwei %. Mittelfristig strebte das Unternehmen vier bis fünf % sowie ein jährliches Umsatzwachstum von mehr als vier % an. Höhere Serviceanteile, das Nordamerikageschäft und Effizienzmaßnahmen sollen dabei helfen. Die Zielsetzung verdeutlichte sowohl das Verbesserungspotenzial als auch den noch erforderlichen operativen Fortschritt.
Charttechnisch rutschte thyssenkrupp im unbereinigten Kursbild unter die 20-, 50- und 100-Tage-Linie. Diese verliefen bei rund 13,76 EUR, 14,35 EUR und 13,08 EUR. Die Abspaltung schränkte allerdings die Vergleichbarkeit mit den historischen Kursen und Durchschnittslinien ein. Der sichtbare Bruch musste deshalb im Zusammenhang mit der Kapitalmaßnahme eingeordnet werden. Als nächste Auffangzone rückte der Bereich zwischen 11,50 und 12 EUR in den Mittelpunkt. Bei rund 11,53 EUR verlief zuletzt die 200-Tage-Linie. Hätte diese Zone nicht gehalten, wäre die psychologische Marke von 11 EUR zur nächsten Orientierung geworden. Ein nachhaltiger Rückgang darunter würde das technische Bild nochmals deutlich verschlechtern. Für eine Stabilisierung musste thyssenkrupp zunächst im Bereich der aktuellen Auffangzone wieder Käufer finden.
RE Royalties: Cashflows im Schatten des grünen Booms
Die globale Energiewende gewinnt durch den exponentiellen Ausbau energieintensiver Rechenzentren, industrieller Prozesse und moderner KI-Infrastruktur massiv an Dynamik. Für den US-Markt zeichnet sich allein im laufenden Jahr ein Netzzubau von rund 86 GW ab. Primär wird dieser von Photovoltaik-, Speicher- und Windkraftanlagen getragen. In dem kapitalintensiven Transformationsprozess positioniert sich die kanadische RE Royalties (WKN: A2PN0F | ISIN: CA75527Q1081 | Ticker: Y2V) über das Modell ertragsabhängiger Lizenzfinanzierungen und agiert damit nicht als klassischer Betreiber. Durch die Bereitstellung von Wachstumsliquidität an Entwickler sichert sich der Konzern langfristige Umsatzströme, ohne direkte operative Risiken tragen zu müssen. Der wirtschaftliche Erfolg gibt der Unternehmensführung bisher recht, denn dieser hängt maßgeblich von einer risikoadäquaten Due-Diligence bei der Auswahl der Projektträger ab.
Seit der operativen Etablierung wurden mehr als 80 Mio. CAD in über 100 diversifizierte Erlösbeteiligungen über mehrere Kontinente hinweg allokiert. Die publizierte interne Verzinsung von über 19 % p. a. verdeutlicht die bisher vorteilhaften Margen des Unternehmens innerhalb des Spezialsegments von maßgeschneiderten Mittelstandsfinanzierungen. Die ausgeschüttete Dividende von 0,04 CAD je Anteilsschein zeigt ein starkes Cashflow-Profil. Die gestiegenen Zentralbankzinsen und höheren Diskontierungssätze und Refinanzierungskosten belasten aber die Wirtschaftlichkeit für zukünftige Erneuerbare-Energien-Projekte, so dass die Projekte eine noch disziplinierte Selektion erfordern dürften.
Auf operativer Ebene untermauert die jüngst getätigte Tranche von insgesamt 1,8 Mio. USD das Engagement beim Partner Solaris, die gezielte Ausweitung der nordamerikanischen Aktivitäten. Eine unverbindliche Rahmenvereinbarung mit Solaris eröffnet zudem ein signifikantes Skalierungspotenzial von bis zu 62,7 Mio. USD an weiterem Finanzierungsvolumen. Die zugrunde liegenden dezentralen US-Solaranlagen zeichnen sich durch prospektive Vertragslaufzeiten von mindestens 25 Jahren aus, was planbare und inflationsgeschützte Zahlungsströme in Aussicht stellt. Doch die unverbindliche Absichtserklärung sichert nur die Investitionsoption und mit einer Marktbewertung von circa 13 Mio. CAD bei Notierungen um 0,30 CAD preist die Börse gegenwärtig einen deutlichen Bewertungsabschlag gegenüber der Projektpipeline ein. Um diesen Discount aufzulösen, mandatierten die Aufsichtsgremien am 27. März 2026 PwC Corporate Finance mit der Prüfung einer umfassenden strategischen Neuausrichtung. Der Prüfprozess umfasst M&A-Optionen, Kooperationen sowie die Optimierung der Kapitalstruktur.
Deutsche Bank: Rekordgewinn trifft auf die entscheidende Kurshürde
Die Aktie der Deutschen Bank (WKN: 514000 | ISIN: DE0005140008 | Ticker: DBK) legte in der vergangenen Woche in der Spitze um 12 % auf 31,34 EUR zu, ehe Gewinnmitnahmen am Freitag die Aktie wieder auf 30,08 EUR drückten. Die Veröffentlichung der Quartalszahlen ließ die Aktie wieder deutlich zulegen. Zuvor hatte die Aktie seit dem Septemberhoch bei knapp 36 EUR deutlich korrigiert. Der neue Milliardengewinn lieferte nun einen Anlass für die Gegenbewegung. Entscheidend ist allerdings, ob die operative Stärke auch eine nachhaltige Kurserholung tragen kann.
Deutschlands größtes Kreditinstitut erzielte im dritten Quartal einen Vorsteuergewinn von rund 2,6 Mrd. EUR. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht dies einem Anstieg von acht %. Der Konzerngewinn nach Steuern erreichte rund 1,9 Mrd. EUR und übertraf die Markterwartungen von etwa 1,7 Mrd. EUR. Davon entfielen knapp 1,6 Mrd. EUR auf die Aktionäre. Damit setzte das Institut seine Serie von Rekordquartalen fort. Die Erträge stiegen um vier % auf 8,3 Mrd. EUR, während die Kosten mit 5,2 Mrd. EUR praktisch unverändert blieben. Die Aufwand-Ertrag-Relation verbesserte sich dadurch von 64,4 auf 62,4 %. Die Bank benötigte somit einen geringeren Anteil ihrer Einnahmen zur Deckung der laufenden Kosten. Besonders erfreulich entwickelte sich das Firmenkundengeschäft. Das Investmentbanking blieb ebenfalls ein wichtiger Gewinnbringer, obwohl seine Erträge gegenüber dem starken Vorjahresquartal um 2 % zurückgingen.
Konzernchef Christian Sewing blickte nach den Zahlen zuversichtlicher auf das Gesamtjahr. Bei weiterhin konstruktiven Märkten stellte er Erträge von mehr als 33 Mrd. EUR in Aussicht. Nach neun Monaten hatte die Bank bereits 25,5 Mrd. EUR erwirtschaftet. Zusätzlichen Rückhalt bot die harte Kernkapitalquote von 14 %. Aktienrückkäufe im Gesamtvolumen von 1,5 Mrd. EUR hatte das Institut für 2026 bereits abgeschlossen. Völlig ungetrübt fiel das Bild dennoch nicht aus. Die Risikovorsorge für Kreditausfälle erreichte 501 Mio. EUR und lag damit neun % über dem Vorquartal. Belastungen entstanden unter anderem durch den weiteren Risikoabbau bei Gewerbeimmobilien und einen Einzelfall im Firmenkundengeschäft. Für Anleger blieb deshalb relevant, ob steigende Kreditrisiken einen Teil der Fortschritte bei Erträgen und Kosten wieder aufzehren würden.
Die Analystenreaktionen fielen überwiegend freundlich aus. J.P. Morgan bestätigte „Overweight“ mit einem Kursziel von 41 EUR. UBS bleibt bei „Buy“ und 37 EUR, RBC bei „Outperform“ und 36 EUR. Die Ziele lagen deutlich über dem damaligen Aktienkurs, stellten jedoch keine Garantie für entsprechende Kursgewinne dar. Charttechnisch stand die Zone zwischen 30 und 31 EUR im Mittelpunkt. Sie hatte wiederholt als Unterstützung gedient und bildete nun einen möglichen Widerstand. Für eine nachhaltige Aufhellung muss die Aktie diesen Bereich überwinden und sich darüber behaupten. Die 200-Tage-Linie verlief bei 30,05 EUR, die 20-Tage-Linie bei 29,56 EUR. Darüber hinaus warteten die 100-Tage-Linie bei 31,60 EUR und die 50-Tage-Linie bei 32,02 EUR als weitere Hürden. Auf der Unterseite bildete das jüngste Tief zwischen 27,50 und 28 EUR eine Unterstützung. Trotz der guten Zahlen stand die Bestätigung einer Trendwende damit noch aus.
Zusammenfassung
thyssenkrupp steht nach der Abspaltung von tk accelis unter Kursdruck; die Zone zwischen 11,50 und 12 EUR ist als Unterstützung nun in den Fokus gerückt.
RE Royalties setzt auf langfristige Erlösbeteiligungen an Energieprojekten, deren Ausbau von verbindlichen Abschlüssen und der langfristigen Refinanzierung abhängt.
Die Deutsche Bank überzeugt mit höheren Gewinnen und verbesserter Kosteneffizienz, doch steigende Kreditrisiken und die Kurszone von 30 bis 31 EUR bleiben entscheidend.