22.09.2026 | 05:45
Zwischen Umbruch und Unterbewertung - Berkshire Hathaway, Porsche, RE Royalties, Volkswagen, Warren Buffett
An der Börse entstehen die spannendsten Chancen oft dort, wo vermeintliche Gewissheiten und Marktkonsens wegbröckeln. Gerade wenn Führungswechsel verkündet werden sowie Bewertungsabschläge und operative Einschnitte die Perspektive eines Unternehmens neu definieren, sollten Anleger und Investoren genauer hinschauen. Solche Konstellationen werden im heutigen Kommentar beleuchtet. Dieser zeigt, wie stark die Kapitalverwendung, das Marktumfeld und die strategischen Managemententscheidungen über Kursfantasie, Risiken und mögliche Neubewertungen entscheiden. Gerade in unsicheren Phasen lohnt ein tieferer Blick, der über Gewinne und Verluste in den nächsten Quartalen entscheiden kann.
Lesezeit: ca.
6 Minuten.
Autor:
Stefan Bode
ISIN:
US0846707026 , US0378331005 , US0258161092 , US1912161007 , US02079K3059 , US0605051046 , CA75527Q1081 , DE0007664005 , DE000PAG9113
Warren Buffett tritt ab – was wird aus Berkshires 1,3-Billionen-USD-Imperium?
Eine der erfolgreichsten Karrieren der Börsengeschichte endet: Warren Buffett gibt mit 96 Jahren den Vorsitz bei Berkshire Hathaway ab. Das „Orakel von Omaha“ formte aus einer angeschlagenen Textilfirma einen Konzern mit mehr als 1 Bio. USD Börsenwert. Nun übernimmt sein Sohn Howard den Verwaltungsratsvorsitz, während Greg Abel bereits das operative Geschäft führt. Buffett bleibt Berkshire als Verwaltungsratsmitglied und Chairman Emeritus erhalten.
Für Aktionäre der Berkshire-Hathaway-B-Aktie (WKN: A0YJQ2 | ISIN: US0846707026 | Ticker: BRYN) steht weniger der formale Rücktritt als die künftige Kapitalallokation im Mittelpunkt. Berkshire ist kein klassischer Vermögensverwalter, weshalb die Bilanzsumme von rund 1,26 Bio. USD nicht direkt mit den Assets under Management eines Fonds vergleichbar ist. Das veröffentlichte US-Aktienportfolio erreichte zum 30. Juni jedoch 299,3 Mrd. USD.
Dieses Portfolio ist stark konzentriert. Apple (WKN: 865985 | ISIN: US0378331005 | Ticker: APC) bildet mit rund 22,0 % die größte Position. Es folgen American Express (WKN: 850226 | ISIN: US0258161092 | Ticker: AEC1) mit 17,1 %, Coca-Cola (WKN: 850663 | ISIN: US1912161007 | Ticker: CCC3) mit 10,9 %, Alphabet (WKN: A14Y6F | ISIN: US02079K3059 | Ticker: GBEA) mit 9,4 % und Bank of America (WKN: 858388 | ISIN: US0605051046 | Ticker: NCB) mit 9,2 %. Zusammen stehen die fünf Schwergewichte für fast 69 % des gemeldeten Aktienportfolios.
Direkt betroffen sind diese Unternehmen vom Buffett-Rücktritt nicht. Spannend wird jedoch, ob Abel und die Investmentmanager die Beteiligungen genauso geduldig halten oder das Portfolio stärker umbauen. Der kräftige Ausbau von Alphabet könnte bereits zeigen, dass Berkshire unter der neuen Führung technologieoffener agiert. Besonders beeindruckend ist Berkshires Liquiditätsreserve. Ende Juni verfügte der Konzern über 35,1 Mrd. USD an Barmitteln und 324,9 Mrd. USD in kurzfristigen US-Staatsanleihen. Insgesamt waren damit rund 360 Mrd. USD äußerst liquide angelegt. Aktuell rentieren dreimonatige Treasury-Bills mit etwa 4,07 %, sechsmonatige mit 4,26 % und zwölfmonatige mit 4,40 %. Bliebe dieses Renditeniveau bestehen, könnten allein die Treasury-Bills rechnerisch rund 13 bis 14 Mrd. USD jährliche Zinserträge vor Steuern liefern.
Zehnjährige US-Staatsanleihen rentieren inzwischen mit 5,00 %, dreißigjährige sogar mit 5,33 %. Berkshire setzt dennoch vor allem auf kurze Laufzeiten, hält damit das Kursrisiko niedrig und bleibt jederzeit für Übernahmen oder Börsencrashs handlungsfähig. Genau über diesen gewaltigen finanziellen Hebel entscheidet künftig die neue Führung. Der Chart signalisiert bislang Vertrauen. Bei rund 510 USD liegt die Berkshire-Aktie über dem GD50 bei 505,12 USD. Der GD100 liegt bei 495,15 USD und der GD200 bei 492,62 USD. Der langfristige Aufwärtstrend bleibt damit intakt. Die entscheidende Frage ist nun: Kann Berkshire seine Investmentkultur auch ohne Buffett an der Spitze bewahren?
RE Royalties: Kleine Bewertung, großer Finanzierungseffekt
Der globale Strommarkt tritt in eine neue Investitionsphase ein. Elektrifizierung, Rechenzentren und KI erhöhen den Bedarf an verlässlicher Kapazität, während in den USA 2026 rund 86 GW neue Kraftwerksleistung ans Netz gehen sollen. Davon entfallen 51 % auf Solar, 28 % auf Batteriespeicher und 14 % auf Wind – zusammen also 93 % auf Technologien, in denen spezialisierte Kapitalgeber besonders gute Eintrittspunkte finden. Genau hier setzt RE Royalties (WKN: A2PN0F | ISIN: CA75527Q1081 | Ticker: Y2V) an: Das Unternehmen finanziert Projektentwickler und sichert sich im Gegenzug langfristige, umsatzabhängige Erlösanteile, ohne selbst die vollen Betreiber- und Bauherrenrisiken übernehmen zu müssen.
Die operative Substanz dieses Modells ist inzwischen erkennbar. Nach Unternehmensangaben hat RE Royalties seit Gründung mehr als 80 Mio. CAD investiert und ein Portfolio von über 130 Energieprojekten in mehreren Regionen aufgebaut. Die bislang erzielte Rendite auf das eingesetzte Kapital liegt bei über 19 %, was im Infrastruktur- und Finanzierungsgeschäft hoch erscheint, zugleich aber die höhere Komplexität kleinerer Spezialtransaktionen widerspiegelt. Hinzu kommt eine Dividende von 0,04 CAD je Aktie, die auf dem aktuellen Bewertungsniveau von 0,37 CAD deutlich auffällt.
Besonders wichtig ist derzeit die ausgeweitete Partnerschaft mit Solaris Energy. Anfang August erhöhte RE Royalties sein bestehendes Engagement um weitere 1 Mio. USD auf insgesamt 4,8 Mio. USD; parallel wurde eine Absichtserklärung über zusätzliche Finanzierungen von bis zu 62,7 Mio. USD unterzeichnet. Zusammen läge das potenzielle Volumen damit bei 67,5 Mio. USD und würde 16 bereits finanzierte Anlagen sowie perspektivisch weitere 96 Solarprojekte mit rund 190 MW umfassen. Die vereinbarten Zahlungsströme sind auf mindestens 25 Jahre ausgelegt und reichen anschließend über die restliche Nutzungsdauer der Anlagen weiter, was die Visibilität künftiger Cashflows erhöht – sofern die Projektpipeline tatsächlich in bindende Abschlüsse überführt wird.
An der Börse wird dieses Potenzial bislang nur begrenzt reflektiert. Einer Marktbewertung von lediglich rund 17 Mio. CAD stehen ein ausgebautes Portfolio, wiederkehrende Erlöse und zusätzliche Wachstumsoptionen gegenüber. Das Management hat deshalb im März 2026 eine strategische Prüfung gestartet und PwC Corporate Finance als Berater mandatiert; geprüft werden Partnerschaften, Co-Investments, Finanzierungsoptimierungen und im Extremfall auch ein Verkauf des Unternehmens. Gleichzeitig verweist die Gesellschaft auf rund 20 Mio. CAD an kurzfristigen Absichtserklärungen sowie weitere etwa 200 Mio. CAD an potenziellen Investments in Prüfung. Unter dem Strich bleibt RE Royalties ein spekulativer Small Cap, dessen Investmentthese weniger auf kurzfristiger Euphorie als auf der skalierbaren Monetarisierung des globalen Ausbaus erneuerbarer Energien beruht.
Volkswagen-Aktie stürzt ab: Porsche zieht VW in den 10-Mrd.-EUR-Schock
Für Volkswagen-Anleger endet die Handelswoche mit einem Paukenschlag. Die Volkswagen-Aktie (WKN: 766400 | ISIN: DE0007664005 | Ticker: VOW) brach nachbörslich zeitweise um mehr als 8 % auf rund 76,15 EUR ein. Auch die Porsche-Aktie (WKN: PAG911 | ISIN: DE000PAG9113 | Ticker: P911) geriet unter Druck und verlor rund 3,3 %. Auslöser ist eine drastische Gewinnwarnung, die zeigt, wie tief die Probleme im Wolfsburger Autokonzern inzwischen reichen. Volkswagen rechnet für 2026 mit einem Konzernumsatz von rund 315 Mrd. EUR. Viel härter trifft Anleger jedoch die neue Margenprognose: Statt der bisher erwarteten operativen Umsatzrendite von 4,0 bis 5,5 % stellt der Konzern nur noch maximal 1 % in Aussicht. Zum Vergleich: Analysten hatten durchschnittlich mit etwa 4,1 % gerechnet. Insgesamt sollen Sondereffekte das operative Ergebnis mit rund 10 Mrd. EUR belasten.
Im Zentrum steht Porsche. Volkswagen muss den Firmenwert seiner Sportwagentochter um rund 6 Mrd. EUR abschreiben. Der Betrag ist zwar nicht zahlungswirksam, macht aber deutlich, wie stark die früheren Ertragserwartungen zusammengestrichen wurden. Porsche leidet unter der schwachen Nachfrage in China, US-Zöllen und der kostspieligen Neuordnung seiner Elektrostrategie. Aus dem einstigen Renditejuwel ist damit ein milliardenschweres Problem für den gesamten VW-Konzern geworden. Weitere Belastungen entstehen durch ausgeweitete Altersteilzeitprogramme, den geplanten Verkauf des Werks Osnabrück und zusätzliche Wertberichtigungen in China. Allein diese Faktoren sollen das Ergebnis in der zweiten Jahreshälfte mit weiteren rund 2 Mrd. EUR belasten. Gleichzeitig schwächeln auch Audi und die Kernmarke Volkswagen, während chinesische Hersteller bei Elektroautos immer mehr Marktanteile gewinnen.
Ganz so düster, wie es die Gewinnwarnung zunächst vermuten lässt, ist die Lage allerdings nicht. Volkswagen hält an einem Netto-Cashflow der Autosparte von 3 bis 6 Mrd. EUR sowie einer Nettoliquidität von 32 bis 34 Mrd. EUR fest. Bereinigt um die Sondereffekte läge die operative Marge bei ungefähr 4 %. Die Krise ist daher weniger eine unmittelbare Liquiditätsfrage als ein massiver Vertrauens- und Bewertungsbruch. Der Großteil der Sonderbelastungen soll bereits im dritten Quartal verbucht werden. Spätestens mit dem Zwischenbericht am 29. Oktober dürfte sich zeigen, wie teuer der Umbau tatsächlich wird. Auch die Höhe der kommenden Dividende dürfte damit neu zur Debatte stehen.
Charttechnisch sendet die Volkswagen-Aktie ein deutliches Warnsignal. Bei rund 76 EUR notiert der Titel unter GD50, GD100 und GD200. Die kurze Erholung seit dem Juli-Tief ist damit vorerst beendet. Bei Porsche droht der jüngste Ausbruchsversuch oberhalb von 47 EUR ebenfalls zu scheitern. Für Anleger lautet die entscheidende Frage: Ist der Absturz bereits eine Übertreibung – oder beginnt die nächste Abwärtswelle? Solange China, Restrukturierung und Porsche keine klare Trendwende zeigen, bleibt die vermeintlich günstige Volkswagen-Aktie ein fallendes Messer.
Zusammenfassung
Berkshire Hathaway steht nach Warren Buffetts Rückzug vor der Bewährungsprobe, ob die neue Führung den milliardenschweren Kapitalhebel ebenso diszipliniert einsetzen kann wie die Börsenlegende in den letzten Jahrzehnten.
RE Royalties verbindet den Ausbau erneuerbarer Energien mit einem skalierbaren Royalty-Modell, bleibt wegen geringer Größe und Finanzierungsabhängigkeit aber im Bereich der Spekulation.
Volkswagen kämpft nach der Gewinnwarnung und hohen Abschreibungen auf Porsche weniger mit Liquidität als mit einem massiven Vertrauensverlust am Kapitalmarkt.