09.09.2026 | 05:45
Drei Börsenstorys zwischen KI, Stromboom und Margenwende – Infineon, Nordex, RE Royalties
Wenn Kapital in KI, Strominfrastruktur und Energiewende fließt, entstehen an der Börse oft die spannendsten Schnittstellen zwischen dem vorherrschenden Trend und der tatsächlichen Bewertung. Genau dort treffen robuste Auftragsbücher, neue Ertragsmodelle und steigende Margen auf bereits hohe Erwartungen der Anleger. Der folgende Kommentar zeigt, welche Chancen sich aus diesem Mix ergeben, wo die Zahlen bereits überzeugen – und an welchen Punkten der Markt noch den Beweis für eine nachhaltige Neubewertung verlangt.
Lesezeit: ca.
7 Minuten.
Autor:
Stefan Bode
ISIN:
DE0006231004 , DE000A0D6554 , CA75527Q1081
Infineon-Aktie: KI-Boom lockt Käufer zurück – ist ein 45 %-Kurssprung möglich?
Mit fast 7 % Kursplus zum Wochenanfang meldete sich die Aktie von Infineon (WKN: 623100 | ISIN: DE0006231004 | Ticker: IFX) wieder lautstark zurück. Den Anstoß liefert Warburg Research mit einer neuen Kaufempfehlung. Der Analyst sieht nach der jüngsten Korrektur wieder Chancen. Doch rechtfertigt das wachsende Geschäft mit KI-Rechenzentren bereits den nächsten großen Kurssprung?
Warburg-Analyst Malte Schaumann hat Infineon von „Hold“ auf „Buy“ hochgestuft. Sein Kursziel bleibt jedoch bei 84 EUR. Gemessen am Kursniveau von ca. 57,88 EUR entspricht das einem rechnerischen Potenzial von rund 45 %. Schaumanns Argument: Während der Aktienkurs zurückgekommen sei, beschleunige sich das Geschäft mit Chips für KI-Rechenzentren. Eine günstigere Bewertung trifft damit aus seiner Sicht auf bessere Geschäftsaussichten.
Hinter dem Optimismus steckt ein oft unterschätzter Part des KI-Booms: die Stromversorgung. Leistungsfähige Server benötigen große Mengen Energie, die möglichst effizient umgewandelt und verteilt werden müssen. Genau dafür liefert Infineon Leistungshalbleiter. Der Konzern profitiert dadurch vom Ausbau der Rechenzentren, obwohl er selbst keine KI-Modelle entwickelt. Für das laufende Geschäftsjahr erwartet das Unternehmen mehr als 1,6 Mrd. EUR Umsatz mit Stromversorgungslösungen für KI-Rechenzentren.
Die bereits am 5. August veröffentlichten Quartalszahlen zeigen die wirtschaftliche Grundlage dieser Hoffnung. Im dritten Geschäftsquartal 2025/26, das Ende Juni endete, stieg der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um rund 13 % auf 4,172 Mrd. EUR. Das Segmentergebnis erreichte 797 Mio. EUR, die entsprechende operative Marge 19,1 %. Unter dem Strich blieb ein Nettogewinn von 423 Mio. EUR. Für das Schlussquartal bis Ende September legt das Management die Messlatte höher: Erwartet werden rund 4,7 Mrd. EUR Umsatz und eine Segmentergebnis-Marge von etwa 23 %. Im gesamten Geschäftsjahr sollen so rund 16,3 Mrd. EUR umgesetzt werden. Der Ausblick verlangt sowohl zusätzliche Erlöse als auch eine spürbar höhere Profitabilität.
Auch beim Cashflow lohnt sich genaues Hinsehen. Infineon stellt einen bereinigten freien Cashflow von rund 1,85 Mrd. EUR in Aussicht. Der unbereinigte Wert soll etwa 900 Mio. EUR erreichen; darin wird der Erwerb des Sensorportfolios von ams OSRAM berücksichtigt. Die beiden Kennzahlen beschreiben deshalb unterschiedliche Perspektiven auf den verfügbaren Geldzufluss. Die Börse verlangt allerdings schon heute viel vom Unternehmen. Das KGV auf Basis der vergangenen zwölf Monate liegt in den vorliegenden Marktdaten bei rund 67. Bleibt das Wachstum hinter den Erwartungen zurück, wäre die Bewertung entsprechend schwerer zu rechtfertigen.
Charttechnisch hat Infineon den GD20 bei 57,75 EUR zurückerobert und notiert oberhalb des steigenden GD200 bei 53,53 EUR. Nach dem deutlichen Rückgang seit Juni ist das ein erstes Stabilisierungssignal. Eine bestätigte Trendwende lässt sich daraus jedoch noch nicht ableiten: Der fallende GD50 bei 63,33 EUR und der GD100 bei 66,77 EUR liegen weiterhin über dem Kurs. Diese Marken bilden mögliche nächste Hürden. Auf der Unterseite sind der GD20 und anschließend die Zone um 54 EUR sowie der GD200 wichtige Orientierungsmarken.
RE Royalties: Royalty-Modell für den Stromboom
Der steigende Strombedarf durch Elektrifizierung, Rechenzentren und KI-Anwendungen verändert den Energiemarkt strukturell. Nach Daten der U.S. Energy Information Administration entfallen 2026 rund 93 % der neu installierten US-Stromkapazitäten auf erneuerbare Energien – ein klarer Hinweis darauf, wohin das Investitionskapital fließt. In diesem Umfeld besetzt RE Royalties (WKN: A2PN0F | ISIN: CA75527Q1081 | Ticker: Y2V) eine spezielle Nische: Das Unternehmen finanziert Entwickler von Solar-, Wind- und Speicherprojekten und erhält im Gegenzug umsatzabhängige Rückflüsse, sogenannte Royalties. Der Vorteil des Modells liegt darin, dass RE Royalties nicht selbst als Betreiber auftritt und somit einen großen Teil klassischer Bau-, Kosten- und Betriebsrisiken vermeidet. Für Investoren ist das deshalb interessant, weil sich damit ein kapitalarmes, potenziell gut skalierbares Ertragsmodell zum Ausbau erneuerbarer Energien ergibt.
Besonders relevant ist die ausgeweitete Zusammenarbeit mit Solaris Energy. Anfang August erhöhte RE Royalties sein bestehendes Engagement um weitere 1 Mio. USD auf insgesamt 4,8 Mio. USD. Parallel wurde eine Absichtserklärung für ein mögliches Finanzierungsvolumen von bis zu 67,5 Mio. USD unterzeichnet. Im Kern geht es um 16 bereits finanzierte Anlagen sowie perspektivisch um weitere 96 Solarprojekte mit rund 190 Megawatt Gesamtleistung. Die Zahlungsrückflüsse der Beteiligungen sind auf mindestens 25 Jahre ausgelegt, anschließend laufen die Royalties über die restliche Lebensdauer der jeweiligen Projekte weiter. Das schafft grundsätzlich gut planbare Cashflows, wobei die eigentliche Hebelwirkung erst dann sichtbar wird, wenn aus der Projektpipeline tatsächlich abschließbare Transaktionen werden.
Die bisherige Entwicklung zeigt, dass das Konzept operativ funktioniert. Nach Unternehmensangaben wurden inzwischen mehr als 83 Mio. CAD investiert, woraus ein Portfolio von über 130 Projekten entstanden ist. 121 davon generieren bereits laufende Rückflüsse. Die durchschnittliche Rendite auf das eingesetzte Kapital liegt bei rund 19 %, was im Infrastruktur- und Finanzierungssektor auffällig hoch ist, allerdings auch die höhere Komplexität kleinerer Spezialtransaktionen widerspiegelt. Hinzu kommt eine Dividende von 0,04 CAD je Aktie, die auf Basis eines Kurses von 0,39 CAD rechnerisch einer zweistelligen Rendite entspricht. Entscheidend bleibt jedoch, ob diese Ausschüttung langfristig aus einem breiten und größer werdenden Royalty-Bestand gedeckt und nicht nur vom heutigen Portfolio getragen wird.
Auffällig ist die Diskrepanz zwischen dem Projektportfolio nebst den stetigen Rückflüssen und dem aktuellen Börsenwert. Mit einer Marktkapitalisierung von zuletzt rund 16,5 bis 17 Mio. CAD wird RE Royalties am Markt deutlich niedriger bewertet, als es die Projektpipeline vermuten lässt. Gleichzeitig prüft der Verwaltungsrat gemeinsam mit PwC strategische Optionen – von Partnerschaften und neuen Finanzierungsstrukturen bis hin zu einem möglichen Verkauf. Das könnte als Signal angesehen werden, dass das Management den inneren Wert höher einschätzt als die aktuelle Bewertung. Unter dem Strich bleibt RE Royalties ein spekulativer Small Cap mit interessantem Hebel auf den globalen Ausbau erneuerbarer Energien. Das Chancenprofil ist vorhanden, doch seine Realisierung hängt wesentlich von Kapitalzugang, Abschlusssicherheit neuer Deals und der weiterhin konsequenten Skalierung des Portfolios ab.
Nordex-Aktie springt fast 10 % – der Gewinn wächst noch viel schneller
Fast 10 % Kursgewinn an einem Tag: Die Nordex-Aktie (WKN: A0D655 | ISIN: DE000A0D6554 | Ticker: NDX1) sorgte zum Wochenanfang für Aufmerksamkeit. Noch auffälliger fällt allerdings eine andere Zahl aus: Im zweiten Quartal stieg der Nettogewinn um rund 260 %. Eine neue Kaufempfehlung der Bank of America rückt diese verbesserte Ertragskraft jetzt wieder in den Mittelpunkt. Anleger fragen sich, ob die jüngste Kursschwäche damit eine Einstiegschance gewesen sein könnte.
Am 7. September legte die Aktie im Nachmittagshandel um 9,96 % auf 40,42 EUR zu und ging nach neuen Hochs gestern mit 40,88 EUR aus dem Handel. Der neue Optimismus hatte, wie oben angedeutet, einen konkreten Auslöser: Die Bank of America hat Nordex von „Neutral“ auf „Buy“ hochgestuft und das Kursziel von 50 EUR auf 54 EUR angehoben. Vom genannten Aktienkurs aus bleiben rechnerisch rund 34 % Potenzial bis zu diesem Analystenziel. Analyst Alexander Jones sieht unter anderem im Deutschland-Geschäft, in neuen US-Aufträgen und einer stabilen Lieferkette Chancen für die sich erhöhende Profitabilität. Seine Einschätzung trifft auf Zahlen, die bereits eine deutliche Verbesserung zeigen. Entscheidend ist nun, ob Nordex dieses höhere Ertragsniveau über mehrere Quartale halten kann.
Im zweiten Quartal 2026 stieg der Umsatz um 16,3 % auf 2,179 Mrd. EUR. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, kurz EBITDA, erhöhte sich von 108,2 Mio. EUR auf 223,8 Mio. EUR. Die EBITDA-Marge sprang von 5,8 % auf 10,3 %. Nordex konnte somit einen erheblich umfangreicheren Teil seiner Erlöse in operativen Gewinn verwandeln. Beim Nettogewinn fiel der Fortschritt noch stärker aus: Aus 31 Mio. EUR im Vorjahresquartal wurden 111,5 Mio. EUR. Gleichzeitig erreichte der freie Cashflow 164,6 Mio. EUR. Der Auftragseingang im Projektgeschäft wuchs um rund 32 % auf 3,054 Gigawatt. Einschließlich der Serviceverträge lag der Auftragsbestand Ende Juni bei 18,4 Mrd. EUR.
Die Entwicklung baut auf einem bereits verbesserten Jahresstart auf. Im ersten Quartal hatte Nordex 53,6 Mio. EUR Nettogewinn und eine EBITDA-Marge von 8,2 % erzielt. Der freie Cashflow war damals allerdings mit 98,1 Mio. EUR negativ. Für das gesamte erste Halbjahr ergibt sich daraus ein positiver Geldzufluss nach Investitionen von 66,5 Mio. EUR. Die Quartalsschwankungen bleiben also erheblich.
Für das Gesamtjahr erwartet Nordex weiterhin 8,2 bis 9 Mrd. EUR Umsatz und eine EBITDA-Marge von 8 % bis 11 %. Mittelfristig strebt das Unternehmen 10 % bis 12 % an. Der umfangreiche Auftragsbestand bietet dafür eine Grundlage. Er wird jedoch erst dann für Aktionäre wertvoll, wenn die Projekte termingerecht und mit auskömmlichen Margen umgesetzt werden. Bei einem KGV von rund 25 auf Basis der vergangenen zwölf Monate kommt es nun auf weitere Gewinnfortschritte an. Charttechnisch hat Nordex den GD20 bei 38,58 EUR, den GD200 bei 38,80 EUR und den GD50 bei 39,96 EUR zurückerobert. Damit verbessert sich das Bild nach der jüngsten Schwäche deutlich. Der GD100 bei 42,07 EUR bleibt die nächste größere Hürde. Hält die Aktie die Zone um 40 EUR, würde das die Erholung stützen. Bei einem Rückfall rückt zunächst der Bereich zwischen 38,58 EUR und 38,80 EUR wieder in den Fokus.
Zusammenfassung
Infineon profitiert vom Ausbau der KI-Rechenzentren, muss das erwartete Wachstum aber weiter bestätigen, damit die ambitionierte Bewertung fundamental gerechtfertigt bleibt.
RE Royalties setzt mit langfristigen Umsatzbeteiligungen auf den Ausbau erneuerbarer Energien, bleibt als kleiner Börsenwert jedoch auf neue Abschlüsse und die fortlaufende Skalierung angewiesen.
Nordex überzeugt mit deutlich höherem Gewinn, besserer Marge und starkem Auftragsbestand, doch entscheidend ist, ob sich diese Profitabilität dauerhaft halten lässt.