08.10.2026 | 05:45
Zahlen, Wachstum und Vertrauen - flatexDEGIRO, RE Royalties, SGL Carbon
An der Börse entscheiden nicht allein gute Nachrichten über den Kursverlauf. Höhere Ergebnisziele, langfristige Wachstumschancen oder Rekordgewinne müssen sich an ihrer Qualität, ihrer Nachhaltigkeit und den Erwartungen des Marktes messen lassen. Während ein Industriewert seine Profitabilität neu ausrichtet, setzt ein Energiefinanzierer auf wiederkehrende Erträge und ein Onlinebroker steht trotz starker Zahlen unter Druck. Der heutige Bericht ordnet die jeweiligen Chancen, Risiken und die Kennzahlen entsprechend ein.
Lesezeit: ca.
7 Minuten.
Autor:
Stefan Bode
ISIN:
DE000FTG1111 , CA75527Q1081 , DE0007235301
SGL Carbon springt zweistellig: Wie belastbar ist die neue Ergebnisprognose?
Ein besserer Jahresausblick bringt SGL Carbon (WKN: 723530 | ISIN: DE0007235301 | Ticker: SGL) zurück in den Blick der Anleger. Am Dienstag, dem 6. Oktober, gewann die Aktie auf Xetra 10,6 % und setzte die Aufwärtsbewegung am gestrigen Mittwoch weiter fort. Der Spezialist für Graphit und Faserverbundwerkstoffe erhöhte seine Ergebnisprognose nach einem überzeugenden dritten Quartal. Gleichzeitig kehrte das Unternehmen in den SDAX zurück.
Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, kurz EBITDA, soll 2026 nun 130 bis 140 Mio. EUR erreichen. Bisher hatte das Management 110 bis 130 Mio. EUR erwartet. Der Mittelpunkt der Spanne steigt damit von 120 auf 135 Mio. EUR, also um 12,5 %. Beim Umsatz wird jetzt das obere Ende der unveränderten Bandbreite von 720 bis 770 Mio. EUR angestrebt. Die Prognose unterstellt keine Verschlechterung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Die vorläufigen Neunmonatszahlen zeigen allerdings noch kein Wachstum. Der Umsatz sank von 652,9 auf rund 595 Mio. EUR, das bereinigte EBITDA von 108,6 auf rund 106 Mio. EUR. Weil der Ergebnisrückgang geringer ausfällt, verbessert sich die Marge rechnerisch von 16,6 % auf etwa 17,8 %. SGL verdient damit operativ mehr je Umsatz-Euro, obwohl das Geschäftsvolumen insgesamt kleiner bleibt.
Ein Teil dieser Entwicklung hängt mit der Neuaufstellung des Konzerns zusammen. Die Beendigung unrentabler Aktivitäten im Carbonfasergeschäft belastete nach Unternehmensangaben die Umsatzentwicklung im ersten Halbjahr. Zugleich verbesserten reduzierte Kosten und ein veränderter Produktmix die Ergebnisse im Geschäftsbereich Fiber Composites. Weniger Umsatz kann in diesem Fall mit einer wirtschaftlich sinnvolleren Struktur einhergehen. Entscheidend bleibt, ob die verbleibenden Aktivitäten dauerhaft profitabler arbeiten.
Bei der Ergebnisqualität lohnt sich jedoch ein genauer Blick. Im ersten Halbjahr erhielt SGL ertragswirksame Ausgleichszahlungen von Halbleiterkunden über 28,7 Mio. EUR. Sie hängen mit angepassten Abnahmeverpflichtungen in bestehenden Lieferverträgen zusammen. Solche Zahlungen stützen das Ergebnis, sind aber kein Beleg für eine entsprechend starke laufende Nachfrage. Aus der aktuellen Prognoseanhebung allein lässt sich ihr Anteil an der weiteren Verbesserung nicht bestimmen.
Die SDAX-Rückkehr erhöht zusätzlich die Sichtbarkeit am Kapitalmarkt. SGL ersetzt Wüstenrot & Württembergische, nachdem der Finanzkonzern den Wechsel in den Freiverkehr beantragt hatte. Für den heutigen Kurssprung liefert die höhere Ergebnisprognose aber den klareren operativen Anlass. Eine Indexaufnahme kann Aufmerksamkeit schaffen; die langfristige Bewertung hängt weiterhin an Erträgen und Zahlungsströmen.
Auch das Kursbild hat sich verbessert. Die Aktie notiert über den im Tageschart eingeblendeten Durchschnittslinien zwischen rund 4,2 und 4,5 EUR. Im Bereich von 5,5 bis 5,7 EUR liegen die Hochpunkte aus dem Frühsommer. Dort könnte die Erholung zunächst auf Widerstand treffen. Bei Rückschlägen wäre die zuletzt überwundene Zone um 4,8 bis 5,0 EUR ein erster Orientierungspunkt.
Am 5. November folgen die vollständigen Neunmonatszahlen. Dann müssen die Segmententwicklung und der Cashflow zeigen, wie tragfähig die Verbesserung tatsächlich ist. Die höhere Prognose stärkt die Erholungsperspektive, ersetzt aber noch keinen Beleg für dauerhaftes Wachstum aus dem laufenden Geschäft.
RE Royalties: Kapital für die Energiewende
Der Stromsektor steht weiterhin vor einem strukturellen Investitionszyklus: Elektrifizierung, Rechenzentren und Anwendungen der künstlichen Intelligenz erhöhen den Bedarf an planbarer Erzeugung und Speicherkapazitäten enorm. In den USA sollen 2026 rund 86 GW neue Kraftwerksleistung hinzukommen; Solarenergie, Batteriespeicher und Windkraft dominieren dabei den Zubau. RE Royalties (WKN: A2PN0F | ISIN: CA75527Q1081 | Ticker: Y2V) positioniert sich dabei nicht als Betreiber, sondern als Kapitalgeber für die entsprechenden Projektentwickler. Das Unternehmen stellt Finanzierungen bereit und erhält dafür langfristige, umsatzabhängige Erlösanteile, also Lizenzgebührenfinanzierungen. Dadurch sinkt das direkte Bau- und Betriebsrisiko, während die Gesellschaft an den späteren Projekterträgen partizipiert.
Seit der Gründung investierte RE Royalties nach eigenen Angaben mehr als 80 Mio. CAD und hält inzwischen mehr als 100 Erlösbeteiligungen an Solar-, Wind-, Wasserkraft-, Speicher- und Biogasprojekten in Nord- und Südamerika sowie Asien. Die berichtete Rendite auf das eingesetzte Kapital von über 19 % p. a. unterstreicht die Attraktivität des Modells, ist aber auch Ausdruck höherer Risiken kleiner, individuell strukturierter Finanzierungen. Die letzten Dividenden von 0,04 CAD je Aktie sind aber für einen wachstumsorientierten Kleinstwert bemerkenswert, sollten jedoch im Verhältnis zu Liquidität, Finanzierungskosten und künftigen Investitionsverpflichtungen betrachtet werden. Entscheidend bleibt, ob wiederkehrende Projektrückflüsse die Ausschüttung dauerhaft decken.
Im Fokus stand zuletzt die Partnerschaft mit Solaris Energy. Nach einer weiteren Tranche von 0,8 Mio. USD im Februar hat RE Royalties die Finanzierung des Portfolios weiter ausgebaut. Durch eine unverbindliche Absichtserklärung kann das Engagement zukünftig noch deutlich ausgeweitet werden. Über solche Rahmenvereinbarungen mit Erweiterungsoption kann sich RE Royalties zukünftige Zahlungsströme über mindestens 25 Jahre sichern. Die wirtschaftliche Wirkung entsteht allerdings erst, wenn aus Absichtserklärungen bindende Vereinbarungen werden und die Anlagen fristgerecht ans Netz gehen. Projektverzögerungen, höhere Zinsen, schwächere Strompreise oder Gegenparteirisiken bleiben daher zentrale Einflussgrößen.
Die Börse bewertet RE Royalties bei 0,31 CAD derzeit nur mit rund 13 Mio. CAD und damit deutlich unter dem potenziellen Volumen der Projektpipeline. Der Vorstand hat am 27. März 2026 deshalb eine strategische Überprüfung eingeleitet und PwC Corporate Finance mandatiert. Geprüft werden unter anderem Partnerschaften, Mitinvestitionen, eine Optimierung der Kapitalstruktur und mögliche Unternehmenstransaktionen. Zugleich nennt die Gesellschaft etwa 20 Mio. CAD an kurzfristigen Absichtserklärungen sowie rund 200 Mio. CAD weiterer Projekte in Prüfung. Für Anleger bleibt die Aktie ein spekulativer Nebenwert: Das Aufwärtspotenzial hängt weniger von kurzfristiger Stimmung als von disziplinierter Kapitalallokation, verbindlichen Abschlüssen und der Skalierung wiederkehrender Erlöse ab.
flatexDEGIRO verliert 7 %: Warum die Börse trotz Rekordgewinn zweifelt
Die Börse blickt zunehmend skeptisch auf die weiteren Ertragsaussichten von flatexDEGIRO (WKN: FTG111 | ISIN: DE000FTG1111 | Ticker: FTK). Allein am Dienstag, dem 6. Oktober, verlor die Aktie auf Xetra mit über 7 % wieder einmal deutlich und setzte am gestrigen Mittwoch die im September eingeläutete Talfahrt weiter fort. Neben hohen Erwartungen an die nächsten Quartalszahlen belasten enttäuschende Nachrichten aus der Branche die Stimmung.
ODDO BHF hält die durchschnittlichen Marktschätzungen für das dritte Quartal laut dem letzten dpa-AFX-Marktbericht für etwas zu hoch. Goldman Sachs hatte bereits Anfang Oktober sein Kursziel von 51,0 auf 49,0 EUR reduziert, die Kaufempfehlung aber beibehalten. Analyst Oliver Carruthers begründete den niedrigeren Bewertungsmaßstab mit der vergleichsweise hohen Abhängigkeit von der Zinsentwicklung. Damit geraten die Annahmen hinter der bisherigen Bewertung stärker unter Beobachtung.
Bereits am 2. Oktober hatte die britische IG Group den europäischen Brokersektor belastet. Der Wettbewerber erwartet für das dritte Quartal rund 14 % weniger Umsatz als im Vorjahr und senkte seinen Jahresausblick. Auch flatexDEGIRO gab daraufhin nach. Die Geschäftsmodelle unterscheiden sich, weshalb sich die Probleme von IG nicht unmittelbar übertragen lassen. Die Warnung zeigt jedoch, wie schnell optimistische Erwartungen an Brokererträge enttäuscht werden können.
Zudem belastet auch eine Stimmrechtsmeldung der BNP Paribas Asset Management Europe die Aktie, denn die Stimmrechtsschwelle von 5 % wurde unterschritten. Der gemeldete Anteil sank von 5,066 % auf 4,998 %. Die Veränderung erfolgte bereits am 2. Oktober, veröffentlicht wurde sie jedoch erst am Dienstag dieser Woche. Ein unmittelbarer Zusammenhang mit dem heutigen Kursrutsch ist deshalb nicht belegt. Die gemeldete Reduzierung beträgt rund 0,068 % gegenüber der vorherigen Mitteilung.
Die Führung wurde zuletzt neu geordnet. Nach dem Rücktritt von Aufsichtsratschef Hans-Hermann Lotter am 10. September folgte am 25. September ein Umbau des Vorstands. Benon Janos wurde zusätzlicher CEO und übernimmt das Brokerage-Geschäft. Oliver Behrens bleibt CEO und Vorstandsvorsitzender mit Verantwortung für B2B und Treasury. Thomas Lindner wurde zum CFO ernannt; seine Vorstandsbestellung steht unter aufsichtsrechtlichem Vorbehalt. Für Anleger zählt nun die Umsetzung dieser neuen Aufgabenverteilung.
Operativ bleibt das erste Halbjahr eine starke Grundlage. Der Umsatz stieg um 22,2 % auf 340,1 Mio. EUR, das Konzernergebnis um 41,1 % auf 115,0 Mio. EUR. Für das Gesamtjahr werden rund 650 Mio. EUR Umsatz und 200 bis 230 Mio. EUR Konzernergebnis angestrebt. Am 21. Oktober folgen die Quartalszahlen. Sie müssen zeigen, ob Provisionseinnahmen und Zinsgeschäft die Erwartungen weiterhin tragen.
Charttechnisch bleibt die Lage angespannt. Die Aktie notiert unter sämtlichen im Tageschart eingeblendeten gleitenden Durchschnitten zwischen rund 30,1 und 34,7 EUR. Bei einer Erholung wären zunächst 28,0 und 30,0 EUR relevant. Unterhalb der aktuellen Notierung liegen frühere Handelszonen um 24,0 bis 25,0 EUR. Eine belastbare Bodenbildung ist bisher nicht erkennbar. Für eine dauerhafte Stabilisierung braucht es deshalb überzeugende Geschäftszahlen und wieder mehr Vertrauen in die künftige Ertragskraft.
Zusammenfassung
SGL Carbon hebt nach einem robusten dritten Quartal die EBITDA-Prognose auf 130 bis 140 Mio. EUR an, doch Einmaleffekte und rückläufiger Umsatz begrenzen die Aussagekraft der Verbesserung.
RE Royalties finanziert erneuerbare Energieprojekte gegen langfristige Erlösanteile, bleibt angesichts kleiner Marktkapitalisierung, unverbindlicher Projektpipeline und Finanzierungsrisiken aber spekulativ.
flatexDEGIRO erzielte im ersten Halbjahr deutlich höhere Umsätze und Gewinne, doch der Kursrückgang zeigt die Sorge der Anleger über Zinsabhängigkeit und hohe Erwartungen an die Quartalszahlen.