20.10.2026 | 05:31
Wendechancen und Kursschocks: Almonty Industries, Evotec, PNE im Stresstest
Zwischen operativer Zäsur, geopolitischer Neuausrichtung und herben Rückschlägen handelt der heutige Kommentar. Während ein kriselnder Wirkstoffforscher mit überraschenden Quartalszahlen um eine Bodenbildung ringt, profitiert ein westlicher Rohstoffförderer vom geopolitischen Bruch bisheriger Monopollieferanten. Zeitgleich stürzt eine drastische Gewinnwarnung im Sektor der erneuerbaren Energien Anleger in eine tiefe Vertrauenskrise. Welche charttechnischen Hürden nun zählen und wo sich trotz hoher Volatilität echte Chancen verbergen, analysiert dieser Marktbericht.
Lesezeit: ca. 6 Minuten.
Autor: Stefan Bode
ISIN: CA0203987072 , DE0005664809 , DE000A0JBPG2
Evotec: Kurssprung nach Zahlen – reicht das für eine Trendwende?
Die Aktie der Evotec SE (WKN: 566480 | ISIN: DE0005664809 | Ticker: EVT) gehörte am Mittwoch der vergangenen Woche zu den auffälligen Gewinnern am deutschen Aktienmarkt. Auf Xetra legte der Titel gegenüber dem Vortag um 6,71 % auf 2,61 EUR zu, gab die Gewinne in den letzten Tagen aber wieder weitestgehend ab. Nach dem jüngsten Absturz sorgten überraschend gute vorläufige Geschäftszahlen für etwas Erleichterung. Eine nachhaltige charttechnische Wende war damit allerdings noch nicht erkennbar.
Der Hamburger Wirkstoffforscher hatte erste Eckdaten für die neun Monate bis Ende September veröffentlicht. Demnach erwartete Evotec einen Umsatz von rund 465 Mio. EUR und ein bereinigtes Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von minus 42,8 Mio. EUR. Beide Kennzahlen übertrafen die aktuellen Markterwartungen. Das Unternehmen erklärte jedoch, dass die Abweichung im Wesentlichen mit der zeitlichen Verteilung der Analystenschätzungen zusammenhing. Eine strukturelle Verbesserung des gesamten Jahresverlaufs ließ sich daraus nicht ableiten.
Entsprechend blieb der bereits im Juli gesenkte Jahresausblick unverändert. Für 2026 rechnete Evotec weiterhin mit einem Umsatz zwischen 570 und 610 Mio. EUR sowie einem bereinigten EBITDA-Verlust zwischen 70 und 105 Mio. EUR. Die positive Überraschung bedeutete somit keine Rückkehr in die Gewinnzone. Als Termin für die vollständigen Ergebnisse des dritten Quartals und der ersten neun Monate nannte das Unternehmen den 5. November. Diese Veröffentlichung dürfte das operative Bild genauer erkennbar machen.
Im Tageschart verbesserte der Kursanstieg die Ausgangslage zunächst nur geringfügig. Die Aktie notierte weiterhin deutlich unter den gleitenden Durchschnitten der vergangenen 20, 50, 100 und 200 Handelstage. Damit blieb das übergeordnete Bild klar bärisch. Der Abstand zu diesen Trendlinien verdeutlichte, wie wenig ein einzelner freundlicher Handelstag am ausgeprägten Abwärtstrend verändert hatte. Eine belastbare Bodenbildung ließ sich daraus noch nicht ableiten.
Auf der Oberseite bildete zunächst die Zone zwischen 2,80 und 3,00 EUR eine wichtige Hürde. Erst eine nachhaltige Rückeroberung dieses Bereichs würde die kurzfristige Ausgangslage verbessern. Darüber wäre die Marke von 3,20 EUR ein weiterer entscheidender Widerstand. Ein Ausbruch mit anschließender Stabilisierung oberhalb dieser Schwelle könnte das Chartbild deutlicher aufhellen. Ohne diese Bestätigung war der Anstieg zunächst als Erholungsversuch innerhalb des bestehenden Abwärtstrends einzuordnen.
Auf der Unterseite rückte der Bereich zwischen 2,40 und 2,50 EUR in den Mittelpunkt. In der vergangenen Woche hatte die Aktie bei rund 2,40 EUR ihren Halt gefunden. Vergleichbare Kursregionen waren bereits an den Tiefpunkten im August 2013 und Oktober 2014 zu sehen gewesen. Bei einem Bruch dieser Zone könnte auch der Bereich um 2,01 EUR aus dem Frühjahr 2013 wieder als historische Orientierung relevant werden.
Die damaligen Kursmarken sind allerdings keine Garantie für einen tragfähigen Boden. Evotec hat sich seitdem erheblich verändert. Wie tief der mehrjährige Einbruch reichte, verdeutlichte der Vergleich mit dem Hoch von 2021 bei 45,83 EUR: Für dessen Wiedererreichen wäre vom Mittwochsschlusskurs aus ein Anstieg von rund 1.660 % erforderlich. Die nächsten Widerstände und eine nachweisbare operative Verbesserung bleiben deshalb entscheidend.
Almonty Industries: Westlicher Hebel im globalen Wolfram-Monopol
Die geopolitische Neuordnung der globalen Beschaffungsmärkte rückt das strategische Schwermetall Wolfram mit Nachdruck in das Blickfeld westlicher Industrie- und Verteidigungsstrategen. Da die Volksrepublik China die weltweite Veredelung und Förderung gegenwärtig dominiert, verlangen verschärfte Herkunftsnachweise der westlichen Industrienationen nach einer Diversifizierung der Lieferketten. In diesem Marktumfeld vollzog der Rohstoffkonzern Almonty Industries (WKN: A414Q8 | ISIN: CA0203987072 | Ticker-Symbol: ALI1) den strategischen Wandel vom reinen Bergbauentwickler zum Produzenten von Wolframerz. Mit der offiziellen Betriebszertifizierung der Verarbeitungsanlage im südkoreanischen Sangdong ging die erste Ausbauphase in den kommerziellen Regelbetrieb über. Damit etabliert sich das Unternehmen als einer der wenigen relevanten Wolframproduzenten außerhalb des chinesischen Einflussbereichs.
Das fundamentale Herzstück des Konzerns bildet die Lagerstätte in Sangdong, deren planbarer Mittelzufluss maßgeblich auf einem langfristigen Liefervertrag basiert. Diese bindende Abnahmevereinbarung mit der Plansee-Tochtergesellschaft Global Tungsten & Powders umfasst ein Gesamtvolumen von 4,41 Mio. MTU-Mengeneinheiten über eine Gesamtlaufzeit von 21 Jahren. Nach Erreichen der vollständigen Produktionskapazität garantiert diese Vereinbarung eine Abnahme von mindestens 210.000 Einheiten pro Jahr. Das entspricht über 90 % des dortigen Ausstoßes. Diese langfristige Absatzsicherung minimiert die Vermarktungsrisiken spürbar, wenngleich das Unternehmen den Notierungen für Ammoniumparawolframat ausgesetzt bleibt. Zuletzt konsolidierte der europäische Benchmark-Preis im September auf hohem Niveau bei rund 2.950 USD je Mengeneinheit, nachdem im Juli noch 3.125 USD erzielt worden waren.
Zur geographischen Risikostreuung trägt das spanische Projekt Los Santos bei, wo Almonty auf eine ressourcenschonende Aufbereitung historischer Abraumhalden setzt. Ein mehrjähriger Kontrakt mit der Sandvik-Tochter Wolfram Bergbau und Hütten AG sichert die Verwertung von mindestens 1.720 Tonnen enthaltenem Wolframtrioxid über eine feste Abnahme- und Zahlungsverpflichtung. Das Abkommen beinhaltet neben einer an Bedingungen geknüpften Vorauszahlung von 3 Mio. USD für die Vermarktungsrechte einen überschaubaren Investitionsaufwand von rund 4 Mio. USD. Analysten von Sphene Capital prognostizieren den Start dieser Haldenverwertung für das erste Quartal 2027 bei einer angestrebten Betriebsdauer von sieben Jahren.
Ergänzt wird die Unternehmensstrategie durch ein afrikanisches Plattformmodell in Ruanda, bei dem Almonty 75 % an einem Gemeinschaftsunternehmen mit staatlicher Beteiligung kontrolliert. Neben eigenen Schürfrechten zielt das Vorhaben darauf ab, die stark zersplitterte Förderung lokaler Kleinproduzenten mit geschätzten 1.300 Tonnen Jahresvolumen zentral aufzubereiten und über gesicherte Exportkanäle zu monetarisieren. Auf Basis dieser mehrteiligen Wertschöpfungskette bestätigt das Analysehaus Sphene Capital seine Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 26,40 USD, was gegenüber der Notierung von derzeit ca. 10 USD ein erhebliches Aufwärtspotenzial impliziert. Trotz dieser etablierten Vertragspartner bleibt das Papier eine stark volatile Anlage.
PNE: 20 % Kursverlust – die Zone um 7 EUR ist gefallen
Die Aktie der PNE AG (WKN: A0JBPG | ISIN: DE000A0JBPG2 | Ticker: PNE3) erlebte in der vergangenen Woche einen massiven Kurseinbruch. Gegenüber der Vorwoche verlor der Titel rund 20,7 % und notierte zuletzt bei 5,85 EUR. Damit fiel die Aktie auf ein Kursniveau zurück, das zuletzt im Oktober 2020 erreicht worden war. Eine deutliche Senkung der Jahresprognose löste den Verkaufsdruck aus und verschärfte das ohnehin angeschlagene Chartbild erheblich.
Der Windparkentwickler hatte am Dienstagabend seine Erwartungen für das Geschäftsjahr 2026 nach unten korrigiert. Beim Konzernergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen rechnete PNE nun mit 60 bis 75 Mio. EUR statt bislang 90 bis 120 Mio. EUR. Die Prognose für das normalisierte EBITDA sank von 110 bis 140 Mio. EUR auf 65 bis 80 Mio. EUR. Deren Mittelwert reduzierte sich damit rechnerisch um 42 %. Die Korrektur fiel entsprechend deutlich aus.
Als wesentliche Ursachen nannte das Unternehmen Verzögerungen bei Projektverkäufen und Genehmigungsverfahren. Einzelne Ergebnisbeiträge, die ursprünglich für 2026 eingeplant gewesen waren, sollten sich dadurch in das kommende Jahr verschieben. Zusätzlich entschied sich PNE, einige bereits laufende Windparks im eigenen Bestand zu behalten, obwohl zunächst deren Verkauf vorgesehen gewesen war. Diese Anlagen können weiterhin Einnahmen aus der Stromerzeugung liefern, die erwarteten Verkaufserlöse fallen jedoch zunächst weg.
Gleichzeitig verwies der Vorstand auf Fortschritte im operativen Geschäft. In den Kernmärkten Deutschland, Polen und Frankreich hatte die Gruppe bislang elf Projekte mit insgesamt rund 361 Megawatt verkauft. Dennoch reichten die erwarteten Ergebnisbeiträge nicht aus, um die bisherige Jahresprognose aufrechtzuerhalten. Entscheidend wird nun, ob die verschobenen Projekte 2027 tatsächlich die vorgesehenen Gewinne und Mittelzuflüsse liefern.
Charttechnisch hinterließ die letzte Woche einen klaren Bruch. Seit Mitte August hatte sich die Aktie bis Mitte Oktober überwiegend in einer Handelsspanne zwischen etwa 7,00 und 7,50 EUR bewegt. Mit dem Einbruch wurde die untere Begrenzung dieser mehrwöchigen Seitwärtsphase deutlich unterschritten. Die zuvor wichtige Zone um 7 EUR konnte den Verkaufsdruck nicht auffangen. Bei einem späteren Erholungsversuch könnte dieser Bereich deshalb als Widerstand wirken.
Auch die gleitenden Durchschnitte verdeutlichten die schwache Ausgangslage. Die 20-Tage-Linie verlief bei rund 7,07 EUR, die 50-Tage-Linie bei 7,38 EUR. Deutlich darüber lagen die 100-Tage-Linie bei etwa 8,99 EUR und die 200-Tage-Linie bei 9,05 EUR. Der Schlusskurs notierte damit unter sämtlichen betrachteten Trendlinien. Eine nachhaltige Aufhellung würde zunächst die Rückeroberung der verlorenen Zone um 7 EUR und anschließend der bisherigen Handelsspanne voraussetzen.
Auf der Unterseite ließ sich der Bereich zwischen 5,15 und 5,35 EUR als nächste mögliche Auffangzone einordnen. Dort lagen im Jahr 2020 frühere Hoch- und Tiefpunkte. Ob diese alten Marken den Rückgang tatsächlich bremsen können, bleibt allerdings offen. Eine bestätigte Unterstützung entsteht erst durch eine erkennbare Stabilisierung. Zum Handelsschluss am Mittwoch überwogen jedenfalls der Abwärtstrend und die Unsicherheit über die weitere Ergebnisentwicklung.
Zusammenfassung
Evotec verzeichnete nach überraschend soliden Quartalszahlen zwar einen Kurssprung, bleibt jedoch im übergeordneten Abwärtstrend und muss erst wichtige Hürden nachhaltig überwinden.
Almonty Industries vollzieht dank langfristiger Abnahmeverträge und dem kommerziellen Produktionsstart in Südkorea den Wandel zum führenden westlichen Akteur im globalen Wolframmarkt.
PNE erlitt nach einer deutlichen Senkung der Jahresprognose infolge verzögerter Projektverkäufe einen herben Kurseinbruch von fast 20 % und durchbrach dabei zentrale Chartmarken.