19.05.2026 | 05:30
Bodenbildung, Turnaround und Absturz – American Atomics, Dermapharm, Carl Zeiss Meditec
Der DAX schloss die Vorwoche tief im Minus ab, konnte die Woche aber am gestrigen Montag deutlich freundlicher starten. Belastend wirkten sich zuletzt der Margendruck bei deutschen Industrietiteln, ein schwaches China-Geschäft und Unsicherheiten durch US-Zölle aus. Auch gegenüber der NASDAQ hinkt der DAX seit Jahresanfang 2026 deutlich hinterher und macht bisher auch keine Anstalten, diese Unterperformance wieder aufholen zu wollen. Interessant sind aber folgende Werte, die gerade ihren Boden ausgebildet, ihren Turnaround geschafft bzw. bereits einen 87%igen Absturz hinter sich haben.
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6 Minuten.
Autor:
Alfred Laugeberger
ISIN:
DE0005313704 , DE000A2GS5D8 , CA0240301089
American Atomics: Aufbau einer vollständig integrierten US-Uranlieferkette
Die USA stehen energiepolitisch unter Zugzwang. Der explodierende Strombedarf durch KI-Rechenzentren, geopolitische Verwerfungen und die Rückkehr der Kernenergie als strategische Säule der Energieversorgung zwingen Washington zum Handeln. Und die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. In 2023 produzierten die Vereinigten Staaten von Amerika gerade einmal 0,05 Mio. Pfund Uranoxid (U₃O₈), sogenanntes Yellowcake. Der jährliche Bedarf liegt aber bei rund 32 Mio. Pfund. Rund 81 % des angereicherten Urans kamen 2024 aus dem Ausland, wovon ca. 20 % aus Russland stammten. Diese Abhängigkeit will die USA bis 2027 gezielt abbauen.
Genau hier setzt American Atomics (WKN: A41EBW | ISIN: CA0240301089 | Ticker: Q3B) an. Das Unternehmen verfolgt gemeinsam mit dem Partner CVMR das ambitionierte Ziel, das erste vollständig integrierte Uran-Lieferkettenunternehmen Nordamerikas aufzubauen. Von der Exploration über Gewinnung und Umwandlung bis hin zur Anreicherung soll die ganze Prozesskette abgebildet werden. „Rock-to-Reactor" nennt das Unternehmen diesen Ansatz und trifft damit den Nerv der Zeit.
Das Herzstück des Unternehmens ist derzeit das Big-Indian-Projekt im Lisbon-Valley-Urangebiet in Utah. Die 217 zusammenhängenden Claims erstrecken sich auf der Ostflanke eines ehemaligen Abbaugebietes, aus dem historisch bereits 78 Mio. Pfund U₃O₈ bei einem Durchschnittsgehalt von 0,37 % gefördert wurden. Alte Bohrlochdaten weisen in Tiefen von 600 bis 830 Metern erhöhte Strahlungswerte auf. Bis Ende 2030 investiert American Atomics jährlich mindestens 3,6 Mio. USD, um den Projektanteil schrittweise auf 80 % auszubauen.
Und das Portfolio des Unternehmens wächst. In Kenora, Ontario, hält das Unternehmen 60 % an einer ehemaligen Uranmine. Ein aktueller NI 43-101-Report bestätigt eine Ressource von ungefähr 590.000 Tonnen U₃O₈. Das Blue-Streak-Projekt in Colorado ist 919 ha groß und ein historisches Uran-Vanadium-Abbaugebiet. Hier wird das Gesamtvorkommen an U₃O₈ auf über 2,9 Mio. Pfund geschätzt. Den aktuellen Anteil von 49 % kann American Atomics vertraglich auf 100 % ausbauen.
Rückenwind kommt in den USA dabei von höchster Stelle. Die US-Regierung investierte zuletzt 2,7 Mrd. USD in den Aufbau einer heimischen Brennstofflieferkette. American Atomics ist zudem Teil des DOE-DPA-Nuclear-Fuel-Cycle-Konsortiums und sitzt damit direkt an den Schalthebeln der künftigen US-Uranversorgung. Die Nachfrage nach angereichertem Uran soll bis 2035 auf mindestens 50 Tonnen pro Jahr steigen und die atomare Energieproduktion soll sich in 25 Jahren gar vervierfachen. Bei einer Marktkapitalisierung von lediglich rund 13,5 Mio. CAD und einer Aktie, die aktuell zwischen 0,20 und 0,30 CAD in einer Bodenbildung konsolidiert, bietet American Atomics für risikobewusste Investoren eine interessante Ausgangslage. Mit dem klaren Fokus auf einen der meistdiskutierten Megatrends unserer Zeit könnten die derzeitigen 0,11 EUR je Aktie auf Sicht der nächsten fünf Jahre ein verheißungsvoller Einstiegszeitpunkt sein.
Dermapharm: Kurssprung – operative Marge verbessert sich
Die Aktie der Dermapharm Holding SE (WKN: A2GS5D | ISIN: DE000A2GS5D8 | Ticker: DMP) gehörte in der vergangenen Woche zu den stärkeren Werten am deutschen Markt und legte um über 12 % zu. Das charttechnische Bild sieht von Woche zu Woche freundlicher aus. Die Bodenbildung ist abgeschlossen und die eingeleitete Trendwende ist in die bullische Phase übergegangen. Seit Anfang Februar 2026 zeigt die Aktie einen klareren Aufwärtstrend und der Kurs liegt über den relevanten gleitenden Durchschnitten. Das ist für viele Anleger ein positives Signal, weil damit nicht nur kurzfristige Stärke, sondern auch ein stabileres technisches Bild sichtbar wird.
Fundamental ist Dermapharm kein Wachstumsunternehmen mit extrem hohen Umsatzsprüngen, sondern ein Pharmaunternehmen, das stark auf Margen, eigene Produktion und ein breites Produktportfolio setzt. Der Konzern entwickelt, produziert und vertreibt Markenarzneimittel, rezeptfreie Produkte, Medizinprodukte, Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetika. Von besonderer Bedeutung ist das Segment Markenarzneimittel. Laut dem Geschäftsbericht verfügt das in Grünwald bei München ansässige Unternehmen über mehr als 400 pharmazeutische Wirkstoffe und über 1.400 Arzneimittelzulassungen. Ein Vorteil ist das vertikale Geschäftsmodell: Entwicklung, Produktion, Logistik und Vertrieb liegen größtenteils im eigenen Haus.
Die Zahlen für das erste Quartal 2026 zeigen diese Stärke. Der Umsatz stieg nur leicht von 302,4 Mio. EUR um 1,1 % auf 305,8 Mio. EUR. Beim flüchtigen Hinschauen ist das nicht viel. Entscheidend ist aber, dass das Ergebnis stärker gewachsen ist. Das EBITDA erhöhte sich von 81,3 Mio. EUR auf 87,4 Mio. EUR und die EBITDA-Marge verbesserte sich von 26,9 % auf 28,6 %. Noch deutlicher sieht man die Verbesserung beim Nettoergebnis. Das Betriebsergebnis stieg im ersten Quartal von 59,8 Mio. EUR auf 70,7 Mio. EUR. Das Ergebnis vor Steuern verbesserte sich von 49,7 Mio. EUR auf 61,5 Mio. EUR und der Konzerngewinn legte von 33,2 Mio. EUR auf 45,1 Mio. EUR zu. Das Ergebnis je Aktie stieg entsprechend von 0,62 EUR auf 0,84 EUR. Für ein Unternehmen, dessen Umsatz nur leicht wächst, ist das eine starke Ergebnisentwicklung.
Der maßgebliche Treiber war das Segment Markenarzneimittel. Dort stieg der Umsatz um 11,8 % auf 162,9 Mio. EUR. Geholfen haben organisches Wachstum, neue Produkte sowie die Übernahmen der Mucos-Gruppe und von F. Trenka. Gleichzeitig wurde das Parallelimportgeschäft bewusst verkleinert, weil Dermapharm dort stärker auf margenstarke Produkte achtet. Der Umsatz in diesem Bereich sank um 21,0 %, aber das Ergebnis verbesserte sich trotzdem. Genau das zeigt, worum es dem Unternehmen aktuell geht: Volumen nicht um jeden Preis, dafür bessere Profitabilität.
Auch das Gesamtjahr 2025 ging bereits in diese Richtung. Der Umsatz lag mit 1,165 Mrd. EUR leicht unter dem Vorjahr, aber das EBITDA stieg auf 324,8 Mio. EUR. Der Konzerngewinn verbesserte sich von 111,7 Mio. EUR auf 131,4 Mio. EUR. Dermapharm wurde also trotz leicht rückläufigen Umsatzes profitabler. Für 2026 bestätigt der Vorstand die bisherige Prognose. Erwartet werden Umsätze zwischen 1,182 Mrd. EUR und 1,218 Mrd. EUR sowie ein EBITDA zwischen 331 Mio. EUR und 341 Mio. EUR.
Carl Zeiss Meditec: Vom Wachstumsliebling zum Sanierungsfall
Die Aktie von Carl Zeiss Meditec (WKN: 531370 | ISIN: DE0005313704 | Ticker: AFX) zeigt wieder einmal, wie wenig Geduld die Börse mit ehemaligen Lieblingen hat, sobald die Margen wackeln. Letzten Mittwoch, am 13. Mai 2026, ging es zeitweise um mehr als 12,50 % nach unten und die Aktie näherte sich der 25,00 EUR Marke an. Damit war der kräftige Vortagesgewinn von 14 % fast komplett wieder weg und notiert derzeit bei 24,54 EUR. Seit dem Allzeithoch im September 2021 hat die Aktie nun bereits über 87,8 % verloren.
Dabei ist das Unternehmen an sich nicht das Problem. Carl Zeiss Meditec gehört weltweit zu den führenden Anbietern in der Augenheilkunde und Mikrochirurgie, von Geräten über Implantate bis zu neurochirurgischen Mikroskopen. Was fehlt, ist die einstige Profitabilität. Im Geschäftsjahr 2024/25 wirkte vieles noch ordentlich. Der Umsatz stieg wieder von 2,066 auf 2,228 Mrd. EUR (+7,8 %), das EBITA legte leicht auf 257,7 Mio. EUR zu. Aber die EBITA-Marge sank bereits auf 11,6 % – nach 12,0 % im Vorjahr und 17,2 % zwei Jahre zuvor. Der Konzerngewinn rutschte ebenfalls von 180,2 auf 142,3 Mio. EUR.
In diesem Geschäftsjahr wird es nun noch problematischer. In den ersten drei Monaten 2025/26 fiel der Umsatz von 490,5 auf 467,0 Mio. EUR (−4,8 %, währungsbereinigt nur −0,7 %). Das EBITA brach von 35,2 auf 8,1 Mio. EUR und die Marge von 7,2 auf 1,7 % ein. Der Kern des anhaltenden Problems ist, dass die Bruttomarge von 51,4 auf 48,6 % fiel, aber die Fixkosten weitgehend konstant blieben. Belastend für die Jenenser sind vor allem China und die USA. In China drücken die staatlich gesteuerten VBP-Ausschreibungen die Preise, lokale Anbieter holen auf, und eine bifokale Intraokularlinse wurde aus einer laufenden Ausschreibung zurückgezogen. In den USA bremst ein schwaches Investitionsumfeld.
Das Management kündigte daher ein hartes Maßnahmenpaket an, das bis zu 1.000 Stellen weltweit auf den Prüfstand stellt. Bis 2028/29 soll das operative Ergebnis so um mehr als 200 Mio. EUR pro Jahr gesteigert werden. Im Geschäftsbericht räumt der Vorstand offen ein, dass die Organisation zu komplex, zu langsam und in den letzten Jahren zu sehr mit sich selbst beschäftigt war. Solange die Sparmaßnahmen aber noch nicht greifen, China sich nicht stabilisiert und die Margen wieder klar zweistellig sind, ist die Aktie noch keine Turnaround-Geschichte.

Fazit
American Atomics positioniert sich als erster US-Anbieter auf eine vollintegrierte Uranlieferkette und setzt auf die gewollte Energieunabhängigkeit der USA. Dermapharm überzeugt mit deutlich verbesserter Profitabilität und steigenden Margen bei stagnierendem Umsatz. Carl Zeiss Meditec dagegen kämpft mit strukturell sinkenden Margen und bleibt trotz ambitioniertem Restrukturierungsprogramm bis 2028/29 eine mögliche Turnaround-Wette, aber mit erhöhtem Risiko.