29.09.2026 | 05:45
Börsen zwischen Fantasie, Fortschritt und Fallhöhe – Hello Fresh, Net Digital, HPQ Silicon
Drei völlig unterschiedliche Geschichten sorgen derzeit bei diesen Unternehmen für Aufmerksamkeit. Während ein Technologiekonzern mit überraschend starkem Wachstum und Rüstungsfantasie durchstartet, setzt ein kanadischer Werkstoffspezialist auf den Durchbruch bei Batterien. Gleichzeitig kämpft ein etablierter Onlinehändler mit sinkender Kundengewinnung, gekürztem Marketingbudget und einem neuen Rekordtief an der Börse. Der Bericht zeigt, welche Chancen, Risiken und offenen Fragen hinter den Kursbewegungen stehen.
Lesezeit: ca.
6 Minuten.
Autor:
Stefan Bode
ISIN:
DE000A161408 , CA40444L1031 , DE000A2BPK34
Net Digital Aktie explodiert: Steckt hinter dem Kurssprung mehr als Drohnenfantasie?
Die Aktie von Net-Digital (WKN: A2BPK3 | ISIN: DE000A2BPK34 | Ticker: VRL) kennt derzeit nur eine Richtung: Nach einem Anstieg von rund 60 % seit Monatsanfang erreichte sie am Freitag ein neues Hoch bei 29,60 EUR. Seit Jahresbeginn beträgt das Plus knapp 70 %. Was steckt hinter dem Kurssprung des Düsseldorfer Technologiewerts – ein Short Squeeze, Drohnenfantasie oder tatsächlich ein neues Gewinnniveau?
Die wichtigste Nachricht kam am Freitagnachmittag. Net Digital hob seine Prognose für 2026 auf rund 60 Mio. EUR Umsatz und 6,2 bis 6,5 Mio. EUR EBITDA an. Zuvor hatte das Unternehmen lediglich 48 bis 53 Mio. EUR Umsatz und 4,7 bis 5,2 Mio. EUR EBITDA erwartet. Gegenüber dem Mittelwert der alten Spannen steigen die Ziele damit um rund 19 beziehungsweise 28 %. Verglichen mit dem Umsatz von 37,8 Mio. EUR im Jahr 2025 peilt Net Digital nun ein Wachstum von fast 59 % an. Die operative Grundlage ist sichtbar. Im ersten Halbjahr erzielte der Konzern 31 Mio. EUR Umsatz nach 13 Mio. EUR im Vorjahr. Das EBITDA stieg von 1,3 auf rund 3,2 Mio. EUR. Net Digital wickelt digitale Zahlungen ab und bietet Dienste für Telekommunikation, Messaging und digitale Inhalte an. Der Vorstand führt die bessere Entwicklung auf alle Geschäftsbereiche zurück. Für die neue Jahresprognose wären in der zweiten Jahreshälfte noch etwa 29 Mio. EUR Umsatz und gut 3 Mio. EUR EBITDA nötig.
Zusätzliche Aufmerksamkeit bringt die Tochter IRISnet. Gemeinsam mit dem Rüstungsentwickler tms arbeitet sie am KI-gestützten Drohnenabwehrsystem „perdix“. Die Mitte September bekannt gegebene Kooperation liefert eine interessante Wachstumsoption, bislang aber keinen veröffentlichten Großauftrag. Entscheidend ist daher die Trennung zwischen dem bereits laufenden Geschäft und möglichen künftigen Erlösen aus der Drohnenabwehr. Beides dürfte Anleger derzeit beschäftigen, doch die heutige Prognoseanhebung wird ausdrücklich mit der breiten operativen Entwicklung begründet.
Ein Blick auf die Bilanz mahnt dennoch zur Differenzierung. Ende 2025 standen 2,7 Mio. EUR liquide Mittel praktisch keinen Bankschulden gegenüber. Der operative Cashflow erreichte trotz eines Jahresüberschusses von 2,9 Mio. EUR allerdings nur knapp 1,0 Mio. EUR. Allein der Aufbau von Forderungen und weiteren kurzfristigen Vermögenswerten belastete den Zahlungsstrom um rund 6,2 Mio. EUR. Ob sich die höheren Gewinne künftig stärker in Barmittel verwandeln, bleibt deshalb eine wichtige Frage.
Charttechnisch hat sich die Aktie weit von ihren Durchschnittslinien entfernt. Bei 28,50 EUR liegt sie rund 35 % über dem GD20 von 21,2 EUR und etwa 75 % über dem GD200 von 16,6 EUR. Das zeigt die Wucht der Bewegung, erhöht nach dem jüngsten Sprung aber auch die Anfälligkeit für Gewinnmitnahmen. Für einen Short Squeeze gibt es bislang keinen belastbaren Nachweis. Die höheren Jahresziele und die Fantasie um „perdix“ erklären bereits, warum Käufer zugreifen. Nun muss Net Digital beweisen, dass aus dem rasanten Umsatzwachstum dauerhaft steigende freie Mittel und aus der Drohnentechnik ein messbares Geschäft werden.
HPQ Silicon: Technologischer Durchbruch im Energiesektor
Vor dem Hintergrund globaler Bemühungen um technologische Souveränität und diversifizierte Lieferketten positioniert sich das kanadische Technologieunternehmen HPQ Silicon (WKN: A3DQZ3 | ISIN: CA40444L1031 | Ticker-Symbol: O08. zunehmend als innovativer Akteur im Bereich kritischer Werkstoffe. Während der Markt für hochentwickelte Batteriematerialien aktuell noch stark von asiatischen Anbietern dominiert wird, treibt HPQ mit Partnern emissionsärmere und energieeffizientere Produktionsverfahren voran. Im Fokus steht dabei die Substitution traditioneller Graphitanoden durch fortschrittliche Siliziummaterialien. Dies führt zu einer signifikanten Erhöhung der volumetrischen und gravimetrischen Energiedichte. Angesichts geopolitischer Lieferkettenproblematiken und staatlicher Förderungen gewinnt dieser Sektor rasant an Relevanz.
Einen maßgeblichen Meilenstein markiert die jüngste Patenterteilung durch das Patent- und Markenamt der Vereinigten Staaten. Das Patent US 12,139,378 B2 schützt ein gemeinsam mit PyroGenesis Canada entwickeltes Verfahren zur Herstellung von Silizium-Nanodrähten mittels der sogenannten PUREVAP-Nano-Silizium-Reaktortechnologie. Das selbst entwickelte Kohlenstoff-Wärme-Reduktionsverfahren wandelt Quarz bei deutlich reduzierten Temperaturen sowie niedrigerem Energieverbrauch direkt in hochreine Nanomaterialien um. Diese Technologie zielt auf den rasant wachsenden Markt für Lithium-Ionen-Batterien sowie auf Photovoltaik- und Halbleiteranwendungen ab. Der strategische Patentschutz sichert dem Unternehmen langfristig exklusive Verwertungsrechte und stärkt die Verhandlungsposition bei der industriellen Kommerzialisierung.
Parallel zur technologischen Absicherung gelingt der Übergang in die kommerzielle Verwertung über das strategische Beteiligungsunternehmen NOVACIUM SAS, an dem HPQ 36,8 % hält. Das französische Deep-Tech-Unternehmen sicherte sich kürzlich einen ersten kommerziellen Auftrag über mehr als 100 AA-NOVA-Batteriepacks zur Ausrüstung von Abfangdrohnen des Typs X-Lock von Alta Ares. Diese Drohnen kommen im Rahmen des Innovationsprogramms der französischen Rüstungsbeschaffungsbehörde zum Einsatz. Die verbauten 21700-GEN3-Zellen mit siliziumbasierter Anode ermöglichen hohe Entladeraten und bieten bei identischer Leistungsabgabe einen spürbaren Gewichtsvorteil gegenüber Referenzbatterien.
Finanziell und operativ eröffnet die Kombination aus geistigem Eigentum und ersten operativen Lieferabkommen solide Perspektiven in margenstarken Nischenmärkten wie der Verteidigungs- und Sicherheitstechnologie. Neben dem Drohnenauftrag laufen bereits Evaluierungen für weitere Dual-Use-Anwendungen sowie Gespräche mit europäischen Verteidigungsinstitutionen. Für Investoren bleibt das Papier zwar ein spekulativer Small-Cap-Titel, der technologische Fortschritt sowie die Verkäufe an die französische Rüstungsindustrie demonstrieren jedoch eine schrittweise Risikoreduktion des Geschäftsmodells. Gelingt der geplante Hochlauf der nächsten Zellgeneration GEN4 sowie die Skalierung der Reaktorkapazitäten, könnte HPQ Silicon nachhaltig an der westlichen Re-Industrialisierung und Aufrüstung teilhaben.
HelloFresh-Aktie auf Rekordtief: Werden die Marketingkürzungen zum Bumerang?
Die Aktie von HelloFresh (WKN: A16140 | ISIN: DE000A161408 | Ticker: HFG) hat am Freitag ein neues Rekordtief markiert. Zeitweise rutschte sie auf 2,16 EUR, gegen Handelsschluss lag sie bei rund 2,28 EUR. Seit Jahresbeginn summiert sich das Minus auf rund 61 %. Auslöser ist eine erneute Prognosesenkung. Dahinter steckt ein Problem, das für das Geschäftsmodell entscheidend ist: HelloFresh gewinnt deutlich weniger neue Kunden als geplant.
Die wichtige Verkaufssaison rund um den Schulbeginn brachte nicht genügend Bestellungen. Nach Einschätzung des Unternehmens liegt das vor allem daran, dass die Marketingausgaben im dritten Quartal gegenüber dem Vorjahr stärker gekürzt wurden als noch im ersten Halbjahr. Das erklärt den Zielkonflikt: Weniger Werbung entlastet zunächst die Kosten, lässt aber die Zahl neuer Kunden und später auch die Auslastung der Liefer- und Produktionsstrukturen sinken.
Für das dritte Quartal erwartet HelloFresh deshalb einen währungsbereinigten Umsatzrückgang von 11 bis 12 %. Analysten hatten nur mit einem Minus von 6,8 % gerechnet. Das bereinigte EBITDA soll 45 bis 55 Mio. EUR erreichen und damit ebenfalls unter der Markterwartung von 57,2 Mio. EUR liegen. Zum Vergleich: Im Vorjahresquartal waren es 40 Mio. EUR. Die Gesellschaft könnte also trotz des schwachen Umsatzes mehr EBITDA als ein Jahr zuvor erzielen. Das Problem ist, dass die bislang erwartete Erholung ausbleibt.
Noch schwerer wiegt die Konsequenz für das Gesamtjahr. Statt eines Umsatzrückgangs am unteren Ende der bisherigen Spanne von 3 bis 6 % stellt HelloFresh nun ein Minus von 9 bis 11 % in Aussicht. Die EBITDA-Prognose fällt von 375 bis 425 Mio. EUR auf 350 bis 370 Mio. EUR. Selbst das obere Ende verfehlt damit die Analystenschätzung von 375,6 Mio. EUR. Die Warnsignale waren bereits im zweiten Quartal zu sehen. Die Bestellungen sanken um 13,7 % auf 21,8 Mio., obwohl der durchschnittliche Bestellwert währungsbereinigt um 6,5 % auf 71,00 EUR stieg. Bestehende Kunden geben mehr aus, doch es kommen zu wenige neue hinzu. Auch das bereinigte EBITDA ging von 158,5 auf 120,6 Mio. EUR zurück.
Zugleich fiel der operative Cashflow im ersten Halbjahr von 287,9 auf 189,7 Mio. EUR; der freie Cashflow sank von 156,4 auf 49,4 Mio. EUR. Ende Juni verfügte HelloFresh über 246,9 Mio. EUR liquide Mittel und hatte ein langfristiges Darlehen von nominal 180 Mio. EUR. Die Mittel geben dem Konzern Spielraum, während die schwächere Entwicklung den Druck erhöht, wieder profitabel neue Kunden zu gewinnen.
Der Chart unterstreicht den Vertrauensverlust. Bei 2,28 EUR liegt die Aktie unter dem GD20 bei 2,69 EUR, dem GD50 bei 3,04 EUR und dem GD200 bei 4,26 EUR. Das Tief bei 2,16 EUR ist nun die entscheidende kurzfristige Marke. Am 5. November folgen die vollständigen Quartalszahlen. Dann muss HelloFresh zeigen, ob bessere Warenkörbe die fehlenden Neukunden ausgleichen können – und wie teuer eine Rückkehr zu mehr Wachstum beim Marketing tatsächlich würde.
Zusammenfassung
Net Digital überzeugt mit einer angehobenen Prognose und starkem Wachstum, muss aber beweisen, dass daraus dauerhaft mehr Cashflow und ein profitables Drohnengeschäft entstehen.
HPQ Silicon stärkt mit patentierter Siliziumtechnologie und ersten Batterieaufträgen seine Position in wachstumsstarken Märkten, bleibt für Anleger jedoch ein spekulativer Small Cap.
HelloFresh leidet unter sinkenden Neukundenzahlen, gekürztem Marketing und einer Prognosesenkung, während die finanzielle Stabilität den Konzern vorerst absichert.