30.09.2026 | 05:15
Wachstumspläne trifft Realität - Gerresheimer, Redcare Pharmacy, Volatus Aerospace
An der Börse entscheidet sich der Wert einer Nachricht nicht an ihrer Schlagzeile, sondern an der Frage, ob daraus dauerhaft höhere Umsätze und Gewinne entstehen. Drei sehr unterschiedliche Geschäftsmodelle stehen deshalb vor entscheidenden Phasen in den nächsten Quartalen. Ein Industriekonzern muss Margen und Vertrauen stabilisieren, ein Drohnenspezialist seine Aufträge skalieren und ein Onlinehändler Wachstum in Ertrag verwandeln. Die folgenden Unternehmensberichte zeigen, wo Chancen liegen – und welche Risiken der Markt möglicherweise schon einpreist.
Lesezeit: ca.
6 Minuten.
Autor:
Stefan Bode
ISIN:
NL0012044747 , CA92865M1023 , DE000A0LD6E6
Gerresheimer-Aktie steigt um 5,5 %: Was die Zahlen am Mittwoch beweisen müssen
Die Aktie von Gerresheimer (WKN: A0LD6E | ISIN: DE000A0LD6E6 | Ticker: GXI) legte Anfang der Woche im Xetra-Handel um 5,5 % auf 27,82 EUR zu. Nach dem langen Kursverfall macht das etwas Hoffnung. Doch bereits am Mittwoch, dem 30. September, steht die Bewährungsprobe an: Der Düsseldorfer Konzern will vorläufige Ergebnisse für das zweite Quartal und das erste Halbjahr 2026 vorlegen. Ob der letzte Kurssprung mehr als ein Vertrauensvorschuss ist, dürfte sich dann zeigen.
Gerresheimer liefert längst weit mehr als Glasfläschchen. Spritzen, Injektionssysteme und medizinische Verpackungen gehören zum Geschäft mit Arzneimittelherstellern. Im ersten Quartal stieg der Umsatz nach vorläufigen Zahlen leicht von angepassten 519 Mio. EUR auf 524 Mio. EUR. Besonders die Nachfrage nach Systemen zur Verabreichung von Medikamenten half. Das bereinigte operative Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) fiel allerdings von angepassten 81 Mio. EUR auf 66 Mio. EUR. Die Marge sank von 15,7 % auf 12,6 %. Mehr Umsatz brachte also weniger Ertrag.
Wie groß die Baustelle ist, zeigt das Geschäft mit Behälterglas. Dort brach das bereinigte EBITDA von angepassten 32 Mio. EUR auf 6 Mio. EUR ein. Schwache Nachfrage, ein Produktionsstopp in den USA und der gezielte Abbau von Lagerbeständen belasteten. Zugleich verbesserte sich der freie Cashflow im Konzern von minus 141 Mio. EUR auf minus 32 Mio. EUR. Das ist ein Fortschritt, doch der Wert bleibt negativ. Für Aktionäre zählt nun, ob Gerresheimer Liquidität und Gewinn zugleich verbessern kann.
Hinzu kommt der geplante Verkauf von Centor und des weltweiten Geschäfts mit pharmazeutischen Kunststoffverpackungen an Apax-Fonds. Der vereinbarte Unternehmenswert liegt zusammen bei rund 1,5 Mrd. EUR. Die erwarteten Erlöse sollen Schulden abbauen. Die Verkäufe sind allerdings noch nicht abgeschlossen: Centor soll bis zum Ende des Geschäftsjahres 2026 folgen, das Kunststoffgeschäft im ersten Halbjahr 2027. Zudem gehen Geschäfte ab, die 2025 gemeinsam rund 570 Mio. EUR Umsatz erzielten. Wie profitabel der verbleibende Konzern künftig arbeitet, wird damit zur entscheidenden Frage.
Auch das Vertrauen in die Berichterstattung muss Gerresheimer zurückgewinnen. Mittlerweile abgeschlossene interne Untersuchungen zur Umsatzrealisierung und Bilanzierung der Jahre 2024 und 2025 hatten die Veröffentlichung von Zahlen verzögert. Im Kursbild bewegt sich die Aktie seit dem Frühsommer meist zwischen etwa 25 und 30 EUR, weit unter früheren Höchstständen. Der heutige Sprung führt sie noch nicht aus dieser Spanne. Liefert Gerresheimer am Mittwoch überzeugende Margen und Fortschritte beim Cashflow, könnte die Erholung Substanz gewinnen. Bleiben die Zahlen schwach, wäre der Anstieg vor allem ein Vorschuss gewesen.
Volatus Aerospace: Drohnenpionier vor dem Durchbruch?
Volatus Aerospace (WKN: A2JEQU | ISIN: CA92865M1023 | Ticker: ABB) baut seine Marktstellung im sicherheitspolitischen Sektor Nordamerikas konsequent aus. Nachdem das Unternehmen für sämtliche fünf Sparten des Beschaffungsmarktplatzes der kanadischen Streitkräfte (Defence Drone Initiative Marketplace) zugelassen wurde, folgt nun die technologische Bestätigung: Am 22.09.2026 meisterte der Konzern mit seinem KI-basierten Flugsteuerungs- und autonomen Betriebssystem V-Cortex™ erfolgreich Testflüge in Umgebungen ohne das globale Satellitennavigationssystem GPS. Angesichts westlicher Aufrüstungsinitiativen und eines weltweiten Marktvolumens für Drohnensysteme von prognostizierten 160 Mrd. USD bis 2034 besetzt Volatus damit eine technologische Schlüsselposition innerhalb der NATO-Verteidigungsinfrastruktur.
Der operative Hebel dieser strategischen Positionierung zeigt sich langsam auch in substanziellen Beschaffungsverträgen. Das kanadische Verteidigungsministerium beauftragte das Unternehmen über eine Laufzeit von fünf Jahren mit der Bereitstellung von vorerst 100 taktischen ISR-Aufklärungsdrohnen (Intelligence, Surveillance, and Reconnaissance), deren Auslieferung im vierten Quartal 2026 anläuft. Vereinbart wurde zugleich eine Rahmenoption über bis zu 4.900 weitere Einheiten, womit sich das Kontingent auf maximal 5.000 Fluggeräte summiert, gedeckelt auf ein Gesamtvolumen von 25 Mio. CAD (ca. 16,5 Mio. EUR). Investoren sollten diese Maximalgröße aber noch nicht als garantierten Festumsatz annehmen, doch belegt die Abrufvereinbarung bereits den erfolgreichen Übergang von staatlichen Pilotstudien zur industriellen Serienfertigung.
Auf der fundamentalen Ebene spiegelt sich die dynamische Geschäftsentwicklung in einem beschleunigten operativen Umsatzwachstum wider. Im zweiten Quartal 2026 erwirtschaftete Volatus einen Quartalserlös von 8,42 Mio. CAD (ca. 5,55 Mio. USD), was einer weiteren Steigerung um 49,5 % entspricht. Getragen wurde dieses Momentum von einem Zuwachs von 38 % im Segment Hardwareausrüstung sowie einem Sprung um 59 % bei den hochmargigen Dienstleistungen. Mit einem Liquiditätspolster von zuletzt 59,2 Mio. CAD hat das Management hinreichende Handlungsfreiheit zur Skalierung der Fertigungsstandorte in Mirabel sowie des Leitstandzentrums in Vaughan. Dieser integrierte Ansatz ermöglicht es dem Unternehmen, Hardware, Steuerungssoftware und Schulungsdienstleistungen aus einer Hand anzubieten.
Die Kapitalmärkte honorieren die Fortschritte, preisen das künftige Skalierungspotenzial aber weiterhin mit einem Bewertungsabschlag ein. Auf Basis von 725.838.256 ausstehenden Stammaktien und einer Notierung bei 0,57 CAD beziffert sich der Börsenwert auf etwa 414 Mio. CAD. Nach Überwindung des gleitenden Durchschnitts der letzten 50 Tage (Moving Average 50 / GD50) bei 0,53 CAD, aber dem Unterschreiten der 200-Tage-Linie (GD200) bei 0,63 CAD hat sich die Charttechnik eingekeilt. Eine stabile Unterstützungszone verläuft im Bereich zwischen 0,42 und 0,46 CAD, während ein nachhaltiger Ausbruch über die Schwelle von 0,70 CAD zusätzliches Kurspotenzial bis zur psychologischen Marke von 1,00 CAD freisetzen dürfte.
Redcare Pharmacy Aktie schießt 13 % nach oben: Zündet das E-Rezept jetzt die Trendwende?
Noch vor wenigen Wochen stand die Aktie von Redcare Pharmacy (WKN: A2AR94 | ISIN: NL0012044747 | Ticker: RDC) unter Druck. Am Montag drehte die Stimmung dann schlagartig: Nach einer erneuten Prognoseanhebung sprang der Kurs um 12,7 % auf 68,20 EUR und führte den SDAX an. Der Markt setzt darauf, dass die Versandapotheke immer stärker vom deutschen E-Rezept profitiert. Doch wie viel von diesem Wachstum bleibt am Ende als Ertrag übrig?
Die neuen Zahlen liefern reichlich Stoff für Optimismus. In Deutschland stieg der Umsatz mit verschreibungspflichtigen Medikamenten nach vorläufigen Berechnungen im dritten Quartal um 56 %. Im September waren es 51 %, obwohl der Vorjahresvergleich wegen eines damals eingeführten Rx-Bonus anspruchsvoller ausfiel. Redcare erwartet in diesem Geschäft für 2026 nun 730 bis 760 Mio. EUR Umsatz statt 680 bis 720 Mio. EUR. Auch die Prognose für das konzernweite Umsatzwachstum steigt von 15 bis 17 % auf 16 bis 18 %.
Was hinter den Prozentzahlen steckt, ist für deutsche Kunden leicht nachvollziehbar: Mit CardLink lässt sich ein E-Rezept per App und Gesundheitskarte einlösen, ohne eine Apotheke aufsuchen zu müssen. Die Gematik hat die Zulassung für dieses Verfahren bis Ende März 2028 verlängert. Damit kann Redcare den digitalen Bestellweg weiter nutzen, während die nächste technische Lösung für die Fernversorgung entwickelt wird. Die Zufriedenheit der E-Rezept-Kunden erreichte im August einen Net Promoter Score von 80 Punkten, sechs mehr als ein Jahr zuvor.
Der Wachstumsschub war bereits im zweiten Quartal zu sehen. Der deutsche Umsatz mit verschreibungspflichtigen Medikamenten stieg um 58 % auf 180 Mio. EUR. Konzernweit legten die Erlöse um 20 % auf 853 Mio. EUR zu, die Zahl aktiver Kunden erreichte 14,7 Mio. Selbst das internationale Geschäft schaffte erstmals ein positives bereinigtes EBITDA von 1,4 Mio. EUR. Nach einem schwächeren Juli zog auch das Geschäft mit rezeptfreien Produkten im August und September wieder an.
Bei der Profitabilität lohnt sich auch ein zweiter Blick. Das bereinigte EBITDA erhöhte sich im zweiten Quartal um 63 % auf 29,6 Mio. EUR, die Marge von 2,6 auf 3,5 %. Gleichzeitig sank die Bruttomarge von 23,8 auf 22,1 %, unter anderem wegen des wachsenden Anteils rezeptpflichtiger Medikamente. Eine niedrigere Vertriebskostenquote glich diesen Effekt bislang mehr als aus. Ob das bei weiter steigendem Rx-Anteil gelingt, bleibt entscheidend.
Auffällig ist deshalb, dass Redcare trotz höherer Umsatzprognose an einer bereinigten EBITDA-Marge von 2,5 bis 3,0 % für das Gesamtjahr festhält. Auch der Kurs steht vor einer Bewährungsprobe: Im Juli und August stockten Erholungsversuche im Bereich von rund 70 bis 73 EUR. Der Sprung auf zuletzt 71,90 EUR bringt die Aktie wieder in diese Zone. Am 29. Oktober folgen die vollständigen Quartalszahlen. Dann muss sich zeigen, ob das E-Rezept auch die operativen Erträge nachhaltig nach oben zieht.
Zusammenfassung
Gerresheimer muss nach Umsatzproblemen, Verkäufen und verzögerter Berichterstattung beweisen, dass Margen, Cashflow und Vertrauen nachhaltig zurückkehren.
Volatus Aerospace gewinnt mit Drohnenaufträgen und GPS-unabhängiger Technologie strategisch an Bedeutung, muss das Wachstum aber erst profitabel skalieren.
Redcare Pharmacy profitiert stark vom E-Rezept und hebt die Prognose an, doch sinkende Bruttomargen und eine niedrige Ergebnisrendite bleiben entscheidende Risiken.