05.10.2026 | 05:45
Zwischen Vertrauensbruch, Rüstungsboom und Erholung – innoscripta, Südzucker, Volatus Aerospace
An den Märkten treffen derzeit drei völlig unterschiedliche Entwicklungen aufeinander. Die Anleihen für Staaten sind stark angezogen, die Inflation zieht weiter an und die großen Aktienindizes konsolidierten in den letzten Wochen. Unterdessen kämpft ein Unternehmen nach behördlichen Durchsuchungen um Vertrauen, ein anderer Konzern profitiert vom wachsenden Bedarf an Drohnentechnik im NATO-Umfeld, während ein etablierter Industriewert trotz verbesserter Prognose unter Verkaufsdruck gerät. Die Fälle zeigen, wie stark Kurse auf rechtliche Unsicherheit, geopolitische Trends, operative Fortschritte und überhöhte Erwartungen reagieren können.
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7 Minuten.
Autor:
Stefan Bode
ISIN:
DE000A40QVM8 , CA92865M1023 , DE0007297004
Innoscripta-Aktie stürzt um 57 % ab: Was steckt hinter den Durchsuchungen?
Ein einzelner Handelstag in der letzten Woche hat das Vertrauen in die Aktie von innoscripta SE (WKN: A40QVM | ISIN: DE000A40QVM8 | Ticker: 1INN) schwer erschüttert. Letzten Donnerstag, dem 1. Oktober, verlor die Aktie rund 57 % und fiel auf etwa 37,3 EUR und ging am Freitag noch tiefer bei 32,45 EUR in das Wochenende. Auslöser war eine Ad-hoc-Meldung zu Durchsuchungen bei Gesellschaften der Gruppe. Damit steht eine zentrale Frage im Raum: Wie belastbar ist das Geschäft rund um die Forschungszulage?
Nach Unternehmensangaben durchsuchten Ermittler Geschäftsräume auf Grundlage zweier Beschlüsse des Amtsgerichts Schwäbisch Gmünd vom 3. August und 15. September. Hintergrund ist ein steuerstrafrechtliches Verfahren wegen des Verdachts der Beihilfe zur Erlangung ungerechtfertigter Steuervorteile im Zusammenhang mit Forschungszulagen-Anträgen von Kunden. Nach vorläufigem Kenntnisstand von innoscripta betreffen die konkreten Vorgänge mögliches Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter bei bestimmten Kundenmandaten. Die Gesellschaft prüft den Sachverhalt und kooperiert mit den Behörden. Eine abschließende Bewertung der Vorwürfe und möglicher finanzieller Folgen ist derzeit nicht möglich.
Die Forschungszulage gehört zum wirtschaftlichen Kern des Unternehmens. innoscripta unterstützt Firmen bei der Dokumentation ihrer Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten sowie bei Förderanträgen. Die Plattform Clusterix organisiert Projekte, Daten und Abläufe. Gerade deshalb berühren die Ermittlungen einen empfindlichen Bereich: Kunden müssen sich auf nachvollziehbare Unterlagen und ordnungsgemäße Prozesse verlassen können. Laut Gesellschaft liegen die Entscheidung zur Antragstellung sowie die Verantwortung für richtige und vollständige Angaben bei den jeweiligen Kunden. Wie die einzelnen Aufgaben tatsächlich verteilt waren, dürfte für die Aufklärung relevant sein.
Operativ hatte innoscripta zuletzt ein deutlich freundlicheres Bild gezeichnet. Im ersten Halbjahr 2026 stieg der Umsatz um 43 % auf 63,1 Mio. EUR. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern legte um 49 % auf 36,4 Mio. EUR zu, die entsprechende Marge erreichte 57,7 %. Die Kundenzahl wuchs auf mehr als 2.900. Im August bestätigte das Management Jahresziele von mindestens 140 Mio. EUR Umsatz und mindestens 80 Mio. EUR EBIT, unter der Voraussetzung eines gleichmäßigen zeitlichen Verlaufs der Antragstellung und Bewilligung.
Anleger müssen deshalb zwei Fragen getrennt bewerten. Zunächst geht es um den Umfang der betroffenen Mandate und mögliche rechtliche oder finanzielle Folgen. Danach stellt sich die wirtschaftliche Frage, ob Kundenbeziehungen, neue Verträge oder die Bearbeitung von Anträgen beeinträchtigt werden könnten. Der Kurssturz zeigt jedoch, dass der Markt bereits einen erheblichen Vertrauensverlust einpreist. Aus der Höhe des Abschlags lässt sich weder das Ergebnis der Ermittlungen noch ein konkreter Schadensbetrag ableiten.
Charttechnisch hat der Absturz die gesamte Erholung seit dem Frühjahr 2026 ausgelöscht. Die früheren Tiefpunkte im Bereich von etwa 64 bis 68 EUR wurden signifikant unterschritten. Bei aktuell 32,45 EUR fehlt im bisherigen Kursverlauf eine etablierte Unterstützung, die sich erst wieder signifikant bei ca. 15,00 EUR zeigt. Eine schnelle Gegenbewegung würde deshalb noch keine belastbare Bodenbildung beweisen, erst wenn die Widerstandslinie bei 49,00 EUR zurückerobert werden kann. Für eine tragfähige Neubewertung braucht es überprüfbare Informationen über die Ermittlungen und deren Folgen für das laufende Geschäft. Die bisher hohe Marge allein reicht als Bewertungsgrundlage unter diesen Umständen nicht mehr aus.
Volatus Aerospace: Skalierungsschub im NATO-Drohnenmarkt
Die geopolitische Zeitenwende hat den Bedarf für unbemannte Flugsysteme drastisch erhöht, wodurch der Markt bis 2034 auf geschätzte 160 Mrd. USD anwachsen soll. In diesem dynamischen Wachstumsfeld erschließt sich die kanadische Volatus Aerospace (WKN: A2JEQU | ISIN: CA92865M1023 | Ticker: ABB) eine zunehmend strategisch wichtige Rolle. Nach der Qualifikation für sämtliche Segmente der Beschaffungsinitiative der kanadischen NATO-Streitkräfte demonstrierte das Unternehmen die Zuverlässigkeit seiner Steuerungssoftware V-Cortex™ bei Testeinsätzen. Wichtig dabei ist, dass sie ohne das globale Satellitennavigationssystem GPS gesteuert werden konnte.
Dies mündete im Anschluss in einer fünfjährigen Rahmenvereinbarung mit dem Verteidigungsministerium über zunächst 100 Aufklärungsdrohnen mit einer Lieferoption auf bis zu 4.900 weitere Einheiten. Dieser Gesamtrahmen von maximal 25 Mio. CAD (rund 16,5 Mio. EUR) markiert für Volatus den Übergang von Test- und Erprobungsphasen hin zu belastbaren Serienabrufen. Mit der offiziellen Eröffnung des 53.000 Quadratfuß großen Produktions- und Systemintegrationszentrums in Mirabel schuf der Konzern Ende September 2026 das industrielle Fundament für diese Abrufe.
Der Standort im Luftfahrtcluster von Montreal ermöglicht neben der Fertigung von Drohnen-Andockstationen die Montage der V-Serie und stärkt die souveräne Fertigungskapazität für NATO-Bündnispartner. Parallel dazu reflektieren die jüngsten Quartalszahlen mit einem Umsatzzuwachs von 49,5 % auf 8,42 Mio. CAD eine intakte operative Hebelwirkung. Getrieben wurde das Ergebnis gleichermaßen von robusten Geräteverkäufen mit einem Plus von 38 % wie auch vom Dienstleistungsgeschäft, das um 59 % zulegte. Dank liquider Mittel von 59,2 Mio. CAD laut letztem Quartalsbericht ist die Skalierung der Fertigung sowie der Ausbau des Betriebszentrums in Vaughan bilanziell solide durchfinanziert.
An den Finanzmärkten schlägt sich die operative Transformation allmählich in einer Neubewertung nieder, wenngleich Analysten mittelfristig weiteres Aufholpotenzial diagnostizieren. Das Bankhaus Desjardins nahm die Beobachtung jüngst mit einer Kaufempfehlung (Buy) und einem Kursziel von 0,90 CAD auf, während der Marktkonsens sogar 0,97 CAD taxiert und das Erreichen der Gewinnschwelle beim bereinigten Betriebsergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen für 2028 prognostiziert.
Mit 725,84 Mio. ausstehenden Aktien notiert der Titel bei 0,55 CAD, was einer Marktkapitalisierung von etwa 400 Mio. CAD entspricht. Technisch oszilliert das Papier zwischen dem 50-Tage-Durchschnitt bei 0,54 CAD und der 200-Tage-Linie bei 0,62 CAD, wobei Unterstützungen um 0,44 CAD den Kurs nach unten absichern und ein nachhaltiger Ausbruch über 0,70 CAD den Weg in Richtung 1,00 CAD ebnen würde.
Südzucker-Aktie fällt 7 %: Kippt die Erholung trotz besserer Prognose?
Erst sorgte eine bessere Prognose für Aufmerksamkeit, wenige Tage später folgte der Rückschlag. Die Aktie der Südzucker AG (WKN: 729700 | ISIN: DE0007297004 | Ticker: SZU) verlor letzten Donnerstag, dem 1. Oktober, im Tagesverlauf rund 7 %. Der Abverkauf ging dann am Freitag weiter und die Aktie ging mit 11,86 EUR in das Wochenende. Dabei hatte der Mannheimer Konzern am Montag einen kräftigen Ergebnisanstieg gemeldet. Für Anleger stellt sich die Frage, wie viel Erholung bereits eingepreist war und welche Verbesserungen nachhaltig sind.
Die vorläufigen Zahlen für das zweite Geschäftsquartal vom 1. Juni bis 31. August zeigen klare Fortschritte. Das operative Konzernergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, kurz EBITDA, stieg von 93 auf 168 Mio. EUR. Das entspricht einem Zuwachs von rund 81 %. Nach Angaben des Unternehmens kamen die wesentlichen Beiträge aus CropEnergies und dem Spezialitätengeschäft. Bei der Biokraftstofftochter halfen vor allem höhere Ethanolpreise, während im Spezialitätensegment größere Absatzmengen die Entwicklung verbesserten.
Auch die Jahresprognose wurde angepasst. Südzucker erwartet für 2026/27 nun 8,3 bis 8,7 Mrd. EUR Umsatz statt zuvor 8,1 bis 8,5 Mrd. EUR. Beim operativen EBITDA wurde die Spanne von 480 bis 680 Mio. EUR auf 540 bis 680 Mio. EUR eingegrenzt. Das ist eine Verbesserung am unteren Ende, während die Obergrenze unverändert bleibt. Der Mittelpunkt der Ergebnisspanne steigt rechnerisch von 580 auf 610 Mio. EUR, also um gut 5 %. Die Anhebung fällt damit moderater aus, als die Schlagzeile vermuten lässt.
Der Kursrückgang lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres als Reaktion auf schlechte operative Nachrichten erklären. Eine neue, eindeutig belegte unternehmensspezifische Ursache für den Abverkauf liegt bislang nicht vor. Gewinnmitnahmen nach dem jüngsten Anstieg wären eine mögliche Erklärung, sind aber keine gesicherte Tatsache. Der Markt kann eine höhere Ergebnisuntergrenze begrüßen und gleichzeitig bezweifeln, dass die günstigeren Rahmenbedingungen über mehrere Quartale anhalten.
Für die nächste Bewertung kommt es vor allem auf die Qualität des Ergebnisanstiegs an. Höhere Ethanolpreise können die Erträge verbessern, lassen sich vom Unternehmen aber nicht dauerhaft festschreiben. Mehr verkaufte Spezialitäten bieten einen anderen Ansatzpunkt, sofern die zusätzlichen Mengen zu attraktiven Margen abgesetzt werden. Anleger sollten außerdem beachten, dass EBITDA weder Jahresüberschuss noch frei verfügbarer Zahlungsstrom ist. Investitionen, Finanzierungskosten und gebundenes Kapital entscheiden mit darüber, was vom operativen Fortschritt letztlich übrigbleibt. Aus der vorläufigen Meldung allein lässt sich diese Entwicklung noch nicht vollständig beurteilen.
Charttechnisch bleibt Südzucker trotz des Rückschlags oberhalb mehrerer länger laufender Durchschnittslinien. Nach oben stehen die jüngsten Hochs um 13,2 EUR im Blick. Ein Rückfall unter die untere Zone bei ca. 11,16 EUR würde die bisherige Erholung der letzten neun Monate zusätzlich belasten. Am 8. Oktober folgt der vollständige Halbjahresbericht. Dann lassen sich Segmentergebnisse, Bilanz und Zahlungsströme genauer prüfen. Diese Zahlen müssen zeigen, wie belastbar die operative Verbesserung hinter der jüngsten Prognoseanpassung tatsächlich ist.
Zusammenfassung
Bei innoscripta SE löste eine Durchsuchung wegen mutmaßlicher Beihilfe zu ungerechtfertigten Forschungszulagen einen Kurseinbruch von 57 % und erhebliche Zweifel an Geschäft und Bewertung aus.
Volatus Aerospace profitiert von steigender NATO-Nachfrage, neuen Drohnenaufträgen, wachsendem Umsatz und Investitionen in die eigene Produktionskapazität.
Südzucker steigerte das operative EBITDA deutlich und hob die Prognose an, doch Gewinnmitnahmen und Zweifel an der Nachhaltigkeit belasteten die Aktie im Moment.